Der Elefant im Raum – Der Nahostkonflikt

Veröffentlicht 4 KommentareVeröffentlicht in Israel

Es ist schon wieder etwas Zeit vergangen seit US-Präsident Donald Trump mit seiner unerwarteten Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels den Nahostkonflikt wieder in den Mittelpunkt der globalen Aufmerksamkeit katapultiert hat. Zumindest kurzfristig, auch dieses Jahr war schließlich leider nicht arm an schrillen Ereignissen.

Nachdem sich die unmittelbare Aufregung verzogen hat, möchte auch ich mir ein paar Gedanken zu diesem unfassbar komplexen, polarisierenden und ambivalenten Konflikt machen.

Eine kurze Zusammenfassung

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde in den jüdischen Gemeinden Europas, die durch Antisemitismus und Rassismus immer stärker unter Druck gerieten, die Idee des Zionismus populär: Die Gründung eines jüdischen Staates im Gebiet des Heiligen Landes. Diese Gegend lag damals im Hoheitsgebiet des Osmanischen Reiches und wurde größtenteils von Arabern bevölkert. Nachdem das Osmanische Reich im 1. Weltkrieg zerfiel, übernahmen die Briten durch ein Völkerbunds-Mandat die Herrschaft über die Levante. Im Rahmen der Balfour-Deklaration förderten die Briten die zionistische Bewegung und die Ansiedlung jüdischer Einwanderer. Anfangs standen sich Juden und Araber nicht feindselig gegenüber, da die Briten während des 1. Weltkriegs den Arabern schriftlich einen Großarabischen Staat zugesichert hatten, in dem die Juden weitreichende Autonomie erhalten sollten.

Als jedoch klar wurde, das Großbritannien sein Versprechen nicht halten werde, wurden die jüdischen Siedler als Verbündete des britischen Imperiums betrachtet. Sowohl Juden als auch Araber begannen daraufhin,  ihre jeweiligen Staatskonzepte als dediziert jüdisch beziehungsweise arabisch zu definieren und voneinander abzugrenzen. Leider beanspruchten beide Staaten den gleichen Platz, was nach dem 2. Weltkrieg und dem Ende des britischen Mandats in der Gründung Israels 1948 und dem damit beginnenden Nahostkonflikt gipfelte. Seitdem gab es mehrere Kriege und Aufstände zwischen Arabern und Juden.

Die verfahrene Situation heutzutage mit Israel, dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen resultiert also aus einem sehr verworrenen, jahrzehntealten Konflikt. Ich habe mein bestes gegeben, die Hintergründe objektiv und kurz zusammenzufassen. Wer mehr erfahren möchte, dem rate ich dazu sich bei Wikipedia weiter zu informieren. Obwohl es nahezu unmöglich ist etwas über den Nahostkonflikt zu schreiben, ohne einer Seite auf die Füße zu treten, sind die Artikel zum Thema relativ unparteiisch. Schon diese Zusammenfassung ist ja eher chaotisch, und je mehr Einzelheiten man kennt, desto chaotischer wird das ganze...

Wie geht´s weiter?

Momentan gibt es auf beiden Seiten keine ernsthaften Bemühungen, den Konflikt zu lösen. Stattdessen hat man sich an eine konstante Spannung gewöhnt. Man muss den Tatsachen allerdings ins Auge sehen, je länger der gegenwärtige Zustand anhält, desto mehr verlieren die Palästinenser. Der illegale Siedlungsbau im Westjordanland unter Schutz der IDF (Israeli Defense Force) nimmt den Palästinensern mehr und mehr Autonomität, während gewaltsamer Protest und Anschläge das Ansehen Palästinas in der israelischen Bevölkerung weiter beschädigen. Fragwürdige Aktionen der IDF finden dagegen weniger Aufmerksamkeit. Auf lange Sicht kann Israel meiner Ansicht nach nur "gewinnen".

Die Ankündigung Jerusalems als Hauptstadt Israels fällt ebenfalls in diese Kategorie. Für die Israelis selbst war Trumps Entscheidung wohl am unwichtigsten. Schon lange sind alle wichtigen Regierungsinstitutionen in Jerusalem, ob Amerika diese Tatsache anerkennt ist für das Leben hier irrelevant. Für die Palästinenser hingegen ist diese Entscheidung ein ungeheurer Affront, der in gewaltsamen Protesten Ausdruck fand. Mehrere Demonstranten wurden bei Reaktionen der IDF getötet. Amerikas ohnehin beschädigter Anspruch, neutraler Vermittler zu sein, ist somit wohl endgültig im Eimer.

Die in Deutschland so beliebte Haltung: "Beide Seiten haben Mist gebaut, aber die Zweistaaten-Lösung ist das Beste für alle" wird hier übrigens Recht schnell als völlig illusorisch und ahnungslos entlarvt. Die Zweistaaten-Lösung klingt schön und wird deshalb gerne von westlichen Politikern zum Thema Nahostkonflikt zitiert. Tatsächlich gibt es jedoch weder in Israel noch in Palästina ansatzweise Bestrebungen oder Perspektiven für diese "Lösung". Israel wird niemals einen eigenständigen Staat Palästina dulden, und Palästina wird sich niemals mit einem Bruchteil ihrer ursprünglichen Heimat zu Frieden geben.

Ach ja? Und was dann, du Besserwisser?

Langfristig für am aussichtsreichsten halte ich tatsächlich diesen Vorschlag:

Auch dafür gibt es hohe Hürden. Die Idee eines palästinensischen Nationalstaats müsste aufgegeben werden. Israel hat zwar schon den Anspruch die Menschenrechte aller Einwohner zu wahren, momentan ist das allerdings mindestens für Araber in den Palästinensergebieten faktisch nicht der Fall. Neben der Einstellung von Praktiken, die grundlegende Menschenrechte verletzen, müsste Israel außerdem seine jüdische Identität von seinem Staat trennen. Man kann nicht allen Religionen gleiche Rechte geben wollen, und gleichzeitig eine zur Staatsreligion erklären.

Die Errichtung Israels als erklärt jüdischer Staat ist vor dem Hintergrund der Shoa verständlich und richtig gewesen. Unter den heutigen Bedingungen ist eine solche Ausrichtung aber mit einem demokratischen Staat unvereinbar und nicht mehr zeitgemäß.

Diese Grundvoraussetzungen klingen momentan leider genauso illusorisch wie die Zweistaaten-Lösung. Dennoch halte ich die Schaffung eines wirklich freiheitlichen, multikulturellen Staates für Araber und Juden für praktikabler und sinnvoller als eine Koexistenz Israels und Palästinas, auch weil ein Einheitsstaat beiden Seiten nützt. Israelis könnten ihrem Anspruch, die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein, endlich absolut gerecht werden, während Palästinenser nicht mehr unter massiven Rechtsverletzungen und wesentlich schlechteren Lebensbedingungen leiden müssten.

Entwurf einer arabisch-israelischen Flagge an einer Wand in Tel Aviv

So oder so, es ist noch ein langer Weg zum Frieden. Ich hoffe mal optimistisch darauf, im Altenheim Dokus über die Gründung eines "Heiligen Landes" für alle zu sehen, statt über einen Gewaltausbruch, der eine (oder beide) Seite(n) vernichtet hat. Kurzfristig wird sich im Nahostkonflikt sowieso nicht viel bewegen. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Israelkritik und Antisemitismus

In Deutschland gab es, soweit ich es mitbekommen habe, eine größere Diskussion zum Antisemitismus vorgeblicher "Israelkritik". Forderungen nach einer Auslöschung Israels sind inakzeptabel und antisemitisch. Eine solche Extremposition ist durch nichts gerechtfertigt, auch nicht durch die noch so menschenfeindliche und in Teilen rassistische Behandlung der Palästinenser. Dieser Konflikt ist sehr emotional, und ein Besuch in Betlehem hat schon so manchen Volontär "radikalisiert" (es gibt natürlich auch das Gegenteil, radikal pro-israelische Freiwillige). Gerade für junge Leute wie uns ist es sehr einfach, im emotionalen Rausch für Gerechtigkeit zu tief zu tauchen und dunklere Instinkte anzuzapfen...

Damit dieser Text nicht zu sehr ausufert, belasse ich es aber erstmal dabei, ich werde mir wohl auch so schon die ein oder andere Diskussion eingefangen haben. Wer sich weiter zu den Tücken der Israelkritik informieren möchte, dem empfehle ich diese ausführliche, grundlegende Handreichung der Amadeu-Antonio Stiftung, und diese kürzere Kolumne von Denis Yücel für Deutsche im speziellen.

In diesem Sinne, Shalom/Salam