Sederabend, Yom HaAtzmaut und Abschlussfilme

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Es ist schon wieder einen Monat her dass ich etwas geschrieben habe. Macht euch aber keine Sorgen, gut gehts mir immer noch hier.

In der Zwischenzeit habe ich an Pessach am Sederabend einer israelischen Familie teilgenommen. Mein Chef Amir hat mich freundlicherweise zu seiner Familienfeier im Haus seiner Eltern eingeladen. Der Sederabend ist der Höhepunkt des Pessach-Festes und fällt mit Karfreitag zusammen. An Pessach gedenken Juden dem Auszug aus Ägypten. Unter anderem sollte man in der Pessach-Woche nur ungesäuertes Brot essen, sogenannte Matze. Leider dürfen gläubige Juden nur in Läden einkaufen in denen auch nichts gesäuertes verkauft wird, deshalb waren bei uns im Supermarkt die Brotecke und das Nudelregal abgesperrt. Zum Glück gibt es bei mir um die Ecke noch einen kleinen Araber dem die jüdischen Vorschriften egal sind, sodass ich mich nicht nur von Knäckebrot ernähren musste. Diese Regel, die leider ja nicht nur Juden betrifft sondern auch andere am Brotkauf hindert, ist ein weiteres Beispiel für die vielen Konflikte die zwischen religiösen, und säkulären oder nicht-jüdischen Israelis zur Stande kommen.

Der Sederabend

Am Sederabend habe ich zuerst die große und bunte Familie Amirs kennengelernt. Auf der Feier waren viele Kinder, und ständig ist jemand ddurch die Gegend gerannt. Ich bin wie immer sehr dankbar dass eine Familie mich an ihrer Feier hat teilnehmen lassen, wie schon an Rosh HaShanah. Amirs Familie ist nicht wirklich religiös, aber achtet trotzdem die Traditionen. Es gibt ein spezielles Ritual am Sederabend, in dem für die Kinder der Auszug Ägyptens nacherzählt wird,  seit 2000 Jahren auf dieselbe Weise. Währenddessen werden mehrere symbolische Speisen verzehrt, unter anderem Eier, Matze und bittere Kräuter. Aber wie gesagt, Amirs Familie ist nicht wirklich religiös, deswegen hatte jeder dritte keinen Appetit auf Eier und die Erzählung wurde nach der Hälfte abgebrochen weil die Kinder unruhig wurden. Was ich gesehen habe war trotzdem interessant.

Eine Vorschrift die wir eingehalten haben war das trinken von vier Gläsern Wein, vielleicht auch etwas mehr. Leider hat Amirs Stiefmutter nach dem Whiskey angefangen mir einige sehr krude politische Thesen über die EU, Merkel und Flüchtlinge zu erzählen, und weil sie nun mal die Stiefmutter meines Chefs war und eigentlich vorher sehr nett konnte ich nicht viel mehr machen als höflich "I disagree" zu sagen. Amirs Nichte hat mir nachher erzählt dass der Rest der Familie mir amüsiert vom Sofa aus zugesehen hat und ihre Diskussionen schon selbst kannte, was mir dann ein kleiner Trost war. Abgesehen davon war der Abend aber sehr nett und alle sehr freundlich. Und das Essen war fantastisch. "Gefüllte Fisch", ein Fisch gefüllt mit püriertem Fisch klingt etwas abstoßend, war aber erstaunlich lecker. Lustigerweise wusste außer Amirs Vater niemand was "Gefüllte Fisch" eigentlich heißt. Die Ähnlichkeit zwischen Yiddisch und Deutsch erstaunt mich immer wieder.

Unabhängigkeitstag

Diesen Monat ist Israel 70 Jahre alt geworden, und am Unabhängigkeitstag war ich zusammen mit einer israelischen Bekannten in Tel Aviv. Viele Straßen waren gesperrt, es gab ein Feuerwerk und jeder ist in Blau-Weiß durch die Gegend gelaufen - aus unerfindlichen Gründen hatten viele Kinder aufblasbare Hammer in Israel-Farben. Ich fand es sehr interessant die Feier zu beobachten, fühle mich von diesem Nationalismus und Patriotismus aber immer zu sehr abgestoßen um wirklich zu feiern. Ich bin sehr froh dass wir so etwas in Deutschland nicht haben. Wenn es einen Staat gibt in dem ich Patriotismus nachvollziehen kann ist es aber denke ich Israel.

Auf der Arbeit sind die Schüler aus dem Jahrgang 12 gerade mit ihren Abschlussfilmen beschäftigt. Nächste Woche findet unser nächstes Seminar statt, und diesen Monat kommt mich auch meine Familie besuchen, worauf ich mich sehr freue. Liebe Grüße aus Haifa!

Ein erstes Fazit!

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Seit etwas mehr als einem Monat bin ich jetzt in Israel. Seitdem habe ich eine Menge erlebt, gelernt und geschrieben. Wie ich dieses ganze "Gesamtpaket Israel" finde, was mir erst später aufgefallen ist, was mir gefallen hat und was nicht... Das erfahrt ihr jetzt in meinem ersten Fazit!

Kommt Zeit, kommt Rat

Manche Dinge merkt man erst nach dem ersten Ankunftsschock. Obwohl mir am ersten Tag direkt die amerikanischen Autos aufgefallen sind, habe ich die mentale und soziale Ähnlichkeit zwischen Israel und den USA erst später wirklich wahrgenommen. Israel ist mittlerweile wohl ein größeres Einwanderungsland als das "Mutterland aller Ausgewanderten" selbst. Jeder Israeli, mit dem ich mich über seine Familie unterhalten habe, hat mindestens einen Vorfahren aus jedem Land Europas. Dieser tief verwurzelte Multikulturalismus fällt einem halt erst umfassend ins Auge, wenn man genügend Israelis kennt die einem ihren Familienstammbaum erklären wollen.

Der arabisch-israelische Konflikt hängt mit meiner ersten Beobachtung eng zusammen, und tritt in wahnsinnig vielen Facetten auf. Während Hardliner beider Seiten die bloße Existenz des Gegners leugnen, üben in meiner Kampfschule Araber und Juden miteinander die Abwehr eines Messerangriffs. Alle paar Jahre landen Raketen in Israel und die IDF macht ein paar Siedlungen platt, dazwischen sitze ich mit Arabern und Juden in einer WG und diskutiere über ein Informatik-Studium. Israel ist extrem politisiert durch diesen Konflikt, gleichzeitig leben aber doch irgendwie alle miteinander. Ich sehe etwas mehr, aber ich denke nicht dass ich diese Problematik wirklich verstanden habe oder verstehen kann, und gebe mir alle Mühe mir kein Urteil zu bilden.

Jammern auf hohem Niveau

Pro forma: ein, zwei Kleinigkeiten gefallen mir hier nicht so sehr. Die Begrüßungsfrage "Ma Nischma?" (Wie geht es dir?) ist so formal, dass meistens noch nichtmal die Antwort abgewartet wird, da muss ich mich erst dran gewöhnen. Mir fehlt Lasagne und Hackfleisch. Und ich habe diesen Absatz gerade ausversehen gelöscht, deswegen fällt der Negativ-Teil  noch kürzer aus als geplant!

What a wonderful land...

Mir gefällt hier alles! Wir haben immer noch um die 25 Grad, zum ersten Mal in meinem Leben ein warmer Strand! Ich mag meine Arbeitskollegen und Mitfreiwilligen und Sportlerkumpel und random Leute an der Supermarktkasse, die mit mir plaudern weil sie an meinem Englisch hören dass ich aus Deutschland komme! Ich mag das Feeling der Stadt und die Aussicht vom Carmelberg. Ich mag die Studenten und die Volontäre aus aller Welt! Und ich mag die Katzen und die Internetanbindung!!!

Im Sinne der Inklusion auch in einfacher Sprache: Mir gefällt es hier sehr, sehr gut.

Wohin jetzt?

Mir gefällt mein jetziger Blogstil, unregelmäßig Beiträge zu verfassen, sobald mich etwas interessiert oder mir ins Auge springt. Und da ich mich nun so langsam eingelebt habe, werde ich diesen Monat deutlich mehr unternehmen und zu berichten haben! (Teaser: Diesen Shabbat bin ich in Tel Aviv!) Ich hoffe, das euch meine Berichte gut gefallen haben. Wenn ihr Anregungen oder Kritik habt, lade ich euch ein diesen Monat ebenfalls ein Fazit zu ziehen und nach Herzenslust zu kommentieren!

Danke fürs lesen, und weiter geht´s!