Mein Zwischenbericht für das DRK

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Anfang diesen Monats ist ganz leise mein Halbjahres-Jubiläum in Israel vergangen. Die Zeit scheint hier nur so zu fliegen, was einerseits ein gutes Zeichen und andererseits etwas schade ist. Wie man wohl auch aus meinen bisherigen Beiträgen herauslesen konnte bin ich mit meinem Einsatz hier sehr glücklich. Eigentlich will ich gar nicht daran denken dass meine Ausreise nun schon näher liegt als meine Ankunft! Damit ich nicht erst Anfang August meinen Rückflug buche habe ich aber ja zum Glück meine Eltern - und das DRK.

Groundcontrol an Major Tom

Durch die uendlichen Weiten des Internets hat mich in dieser fremdartigen Umgebung eine elektronische Botschaft erreicht mit der Bitte um Rückmeldung... (Ab jetzt ohne Sci-Fi Vibe). Meine fantastische Trägerorganisation, das Deutsche Rote Kreuz, hat uns Freiwillige gebeten bis zum 19.3. einen Zwischenbericht zu verfassen. Ich habe ja jetzt schon etwas Übung im schreiben, nur das anfangen muss ich noch hinkriegen. Einige der Zwischenberichte sollen dann später auf der Website des DRK veröffentlicht werden, ich werde meinen Betrag aber wahrscheinlich auch hier online stellen. Mein Zwischenbericht soll etwas länger sein als ein normaler Blogeintrag und wohl das ganze halbe Jahr abdecken.

Ich glaube es könnte ganz interessant werden einen so anderen Text zu verfassen. Mir fällt es in letzter Zeit wirklich schwer Themen für meine "normalen" Texte zu finden, vielleicht sehe ich ja mit einem umfassenderen Artikel selber wieder wie facettenreich Israel ist. Wahrscheinlich bin ich gerade einfach zu sehr hier zu Hause um viele Besonderheiten überhaupt wahrzunehmen. Jedesmal wenn ich Gäste aus Deutschland treffe fällt mir etwas absolut israelisches an meinem Verhalten auf, dass ich unbewusst übernommen habe. Ich ertappe mich immer wieder dabei für jede Tasse Tee einen Pappbecher zu benutzen, obwohl wir 20 Tassen im Schrank stehen haben.

Spendenzwischenstand

Auch das DRK hat mir jedoch einen Zwischenbericht geschickt: Wie ihr vielleicht noch wisst wird von uns Freiwilligen erwartet dass wir einen kleinen Spendenkreis aufbauen, der 100 Euro im Monat aufbringen sollte. Ich habe bisher durch meine großzügigen Unterstützer 385 Euro gesammelt. Vielen Dank an jeden Spender der mein Freiwilliges Jahr unterstützt und damit sicherstellt, dass auch im nächsten Jahr ein Freiwilliger im Beit Rutenberg arbeiten kann! Ihr seid super!

Zu den angepeilten 100 Euro pro Monat fehlt aber leider noch ein Stückchen. Wenn ihr meinen Auslandseinsatz unterstützen wollt und zum Fortbestehen dieses großartigen Programms beitragen möchtet, würde ich mich sehr freuen wenn auch ihr euch meinem Spenderkreis anschließt. Jeder Beitrag hilft, auch eine einmalige Spende ist willkommen!

Inhaber: DRK Soziale Freiwilligendienste MV

BIC:  NOLADE21LWL (Sparkasse Mecklenburg-Schwerin)

IBAN: DE82140520001713849590

Verwendungszweck: Spende, eingeworben durch Linus Wedding

WICHTIG: beim Verwendungszweck muss klar sein dass die Überweisung eine Spende ist, und dass ihr zu meinem Spendenkreis gehört. Das DRK hat auch einige nicht zuordbare Spenden ohne Namen erhalten. Falls ihr schon etwas gespendet hat und euch nicht mehr sicher seid ob ihr alles richtig angegeben habt, wendet euch bitte im Zweifel an mich damit eure Spenden nachträglich zugeordnet werden können.

Allen jetzigen und zukünftigen Spendern: Vielen Dank. Ohne euch wäre ein Freiwilligendienst undenkbar, ihr seid mindestens so wichtig wie wir Freiwilligen selbst.

Unterwegs mit Journalisten: Radio und Street-Art

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Nach unseren Volontärs-Seminaren in den letzten Wochen haben wir gerade eine Gruppe deutscher Journalisten vom Pressenetzwerk PNJ zu Gast. Die deutsche Abteilung des Beit Rutenberg hat das Programm zum Thema "Jugend in Israel" organisiert, und Silvi oder ich begleiten unsere Gäste deshalb zu den meisten Terminen. Ich hatte das Glück, beim Ausflug nach Tel Aviv/Yaffo dabei sein zu dürfen.

Bei meinem letzten Ausflug nach Tel Aviv bin ich leider nicht bis Yaffo gekommen, was der ältere, arabische, meiner Meinung nach (noch) schönere Teil der Stadt ist. Das habe ich diesmal nachgeholt!

Das wichtigste Radio Israels...

Unsere erste Station war der Armeesender Galey Zahal und der Musiksender Galgalatz, beide in einem Gebäude in Tel Aviv untergebracht. Der Großteil der Mitarbeiter dort sind junge Soldaten. Die Vorstellung, dass 18-jährige ohne Ausbildung direkt nach der Schuleihre eigene Show moderieren, und damit bis zu 36% der israelischen Bevölkerung erreichen, ist ziemlich beeindruckend. Sowieso sind bis auf drei, vier Mitarbeiter alle dort maximal 21, aber die hohe Quote bestätigt wohl das dies kein Nachteil ist.

 

Wir wurden sehr freundlich empfangen und durch alle Abteilungen geführt, wo uns immer wieder Soldaten ihre Arbeit erklärt und Fragen beantwortet haben. Zum Abschluss wurden wir mit Essen überhäuft, worüber man sich als Volontär ja immer freut, und von Yoram, der uns zusammen mit Inbal durch den Sender führte, an den Strand von Yaffo geführt.

Ein Wort zur Unabhängigkeit des Senders: Sowohl Galey Zahal als Talksender als auch Galgalatz werden von der IDF (Israeli Defense Force) betrieben. Würde die Bundeswehr in Deutschland einen Sender betreiben, wäre das Vertrauen der Bevölkerung in die Unabhängigkeit der Berichterstattung wohl eher gering. In Israel wird hingegen gerade dieses Detail als Beweis für die Objektivität des Senders verstanden - zumindest bei der jüdischen Bevölkerung. Ein weiterer Beleg für die gigantischen Unterschiede zwischen Israel und Deutschland im Umgang mit seinem Militär.

Wie auch immer, es war sehr beeindruckend selbst in den Aufnahmeraum mitgenommen zu werden (während einer Livesendung!) und zu sehen, dass fünf junge Soldaten bestimmen, was ein Drittel der Bevölkerung für Musik hört beim Autofahren.

In den sterbenden Dschungel müsst ihr gehen...

Unser nächster Programmpunkt: Eine Street-Art-Tour mit Guy Sharett. Guy ist ein sehr faszinierender Mensch. Als studierter Soziolinguist hat er nach zwei Jahren bei Google angefangen, einen Podcast über Hebräisch zu produzieren, und seine Sprachvorliebe mit Touren durch die Straßen des Hipster-Viertels Florentin zu kombinieren.

Ursprünglich berühmt für seine Sofa-Werkstätten, ist Florentin heute ein bei Hipstern und Künstlern beliebtes Viertel. Ein Drittel des Gebiets wurde jedoch schon aufgekauft und soll bald zu Wohntürmen umgebaut werden, denen die alten Tischlereien und Wandkunstwerke dann weichen müssen, und auch der Rest des Viertels wird nicht ewig bleiben. Ähnliche Gentrifizierungsprozesse kennen wir ja leider auch aus deutschen Großstädten.

Buchstäblich jede Ecke dort ist von Künstlern bearbeitet worden. Im Dschungel der Gassen gibt es überall etwas zu entdecken, und ich kann jedem einen Besuch dort nur empfehlen. Auch die selbsterklärt kleinste Gallerie der Welt steht in Florentin.

Auch bei "meinen" Journalisten hat Guy´s Tour einen guten Eindruck hinterlassen. Haltet mal bei Cosmo nach einem Beitrag über ihn Ausschau... sollte auf der Website ein Video-Interview mit ihm auftauchen, ich habe das Mikro gehalten.

Das tolle Programm und unsere sehr sympathische Reisegruppe haben diesen Ausflug zu einem sehr schönen Tag gemacht! BTW, wir hatten 23° C... Und ihr so?

Ein typischer Arbeitstag

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Bisher habe ich ja vor allem über meine Ausflüge und anderen "besonderen" Erlebnisse geschrieben. Mein "normaler" Alltag schien mir da im Vergleich immer etwas belanglos. Weil ich aber immer wieder gefragt werde, was ich denn eigentlich genau hier mache, möchte ich hiermit mal den weniger exotischen Teil meines Aufenthalts in Israel beleuchten. So wird vielleicht etwas klarer, wofür ich hier eigentlich mein Zimmer bekomme und warum meine Ausflüge mir gerade im Kontrast zu einem "langweiligen" Arbeitstag so berichtenswert scheinen.

Zwei Sachen vorweg: Obwohl auch hier die Arbeit schnell zum Alltag wurde, gefällt mir mein Job weiterhin sehr gut. Und für alle, die sich für ein Auslandsjahr bewerben und hier nach Tipps suchen: Mein Job ist relativ untypisch für Volontäre, daher haben viele Freiwillige einen ganz anderen Tagesablauf. Ich empfehle euch mal bei Melanie oder Laura vorbeizuschauen, deren Arbeitsalltag vielleicht etwas weiter verbreitet ist.

Der Wecker klingelt generell zu früh

An den meisten Tagen muss ich um 9.00 Uhr im Institut sein, +/- eine Stunde. Weil ich (typisch deutsch) übervorsichtig bin, stehe ich immer schon anderthalb Stunden früher auf. Lieber bin ich schläfrig als gehetzt, und so habe ich wenigstens immer noch Zeit um in Ruhe meinen Kaffee zu schlürfen. Nachdem ich endlich fertig bin mit Kaffee Nr. 1, Essen, Duschen, Kaffee Nr. 2, etc., Komme ich kurz vor knapp im Rutenberg-Institut an.

Zuerst steuere ich auf das Medienzentrum zu, und öffne gegebenenfalls das Gebäude. Meinen Rucksack mit Laptop - und mittlerweile leider Regenjacke, der Winter hat jetzt auch hier begonnen - lasse ich auf meinem Stuhl im Büro meines Chefs Amir stehen. Dann nehme ich die Ordner mit den Anwesenheitslisten der Klassen vom Vortag und bringe sie rüber zu Michal, unserer Mitarbeiterin im Hauptbüro. Dort tausche ich die alten gegen die neuen Ordner, und mache einen Umweg zur Küche. An manchen Tagen bekommt ein Robotik-Kurs auf unserem Gelände nämlich Sandwiches von mir geliefert.

Silvi, Seminar oder Saulangweilig

Ich entschuldige mich in aller Form für diese Zwischenüberschrift.

Da die meisten Schulklassen erst nachmittags eintreffen, helfe ich Vormittags - zumindest zur Zeit - meistens der Chefin unserer deutschen Abteilung, Silvi. Das ist größtenteils Schreibtischarbeit, also Mails schreiben, Buchungen für unser Gästehaus bearbeiten, Visa-Unterlagen organisieren...

An Seminartagen helfe ich bei der Betreuung der Gruppen und begleite sie zu manchen Aktivitäten. Bei unserem aktuellen Seminar habe ich zum Beispiel die Tour durch die Bahai-Gärten mitgemacht, dazu an einem anderen Tag mehr.

Manchmal gibt es aber einfach nichts zu tun, sodass ich mir bis zum Mittagessen die Zeit mit sinnvollen Hobbys wie C# lernen oder oder mit meinem Raspberry Pi experimentieren vertreibe. Natürlich lasse ich mich niemals ablenken durch unsinniges Zeug aus den kreativen Abgründen des Internets.

3, 2, 1, Action!

Wenn die Klassen eintreffen, helfe ich im Durcheinander der eintreffenden Schüler erst einmal beim Einrichten von Computern oder Kopiere diverse Arbeitsblätter. Im Laufe der Stunden helfe ich Schülern dann beim Drehen und verzögere die Zerstörung unseres Equipments, oder unterstütze manche Gruppen bei der Arbeit mit unserem Filmschneide-Programm, Adobe Premiere.

Am Ende der Stunden sammle ich die verteilten Kamerasets wieder ein, sortiere Mikro-Kabelsalate und sichere die Aufnahmen des Tages auf einer Festplatte. Meistens bin ich der letzte der das Zentrum verlässt, ca. um 17.00 Uhr. Zum Abschluss laufe ich noch einmal durch alle Räume und gehe sicher das alle Lichter aus und Fenster zu sind. Danach schließe ich das Medienzentrum wieder ab, und genieße meinen Feierabend (sofern keine Gäste mit ihrem Zimmer unzufrieden sind oder drei Handtücher brauchen).

Das ist mein typischer Arbeitstag. Mir macht mein Alltag sehr Spaß. Obwohl es manchmal etwas langweilig ist, und manchmal viel zu hektisch, wird es nie eintönig. Meine super netten Kollegen und abwechslungsreichen Gäste tuen ihr übriges. Nicht wirklich anders als bei anderen Freiwilligen, denke ich, egal ob in Deutschland, Israel oder sonstwo. Wir sind zwar unqualifiziert, aber dafür motiviert, und irgendwer muss den Job ja machen 😉

Akko, ein Ruinenhaufen mit Hummus

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Seit meinem letzten Beitrag ist schon etwas Zeit vergangen. Je nach Chaos-Level bei der Arbeit habe ich manchmal halt nicht die Zeit etwas zu schreiben (und manchmal passiert auch einfach nichts lesenswertes). Als kleine Entschädigung war ich dieses Wochenende an einem selbst für Israel-Verhältnisse alten und beeindruckenden Ort: Akko.

Ruinen auf Ruinen

Akko ist ziemlich, ziemlich alt. Anders als Haifa, das erst vor ca. 200 Jahren bedeutender wurde, haben sich um Akko schon vor mehr als 2000 Jahren Menschen geprügelt. Die älteste Erwähnung der Stadt stammt noch aus der Blütezeit Ägyptens (Danke, Wikipedia)! Diese Geschiche sieht und fühlt man in der Stadt. Die Altstadt besteht quasi aus einer Kreuzritter-Burg, auf deren Ruinen später die islamischen Herscher eine Festung bauten, auf deren Ruinen später die heutige Stadt entstand...

Die Stadt ist also quasi eine historische Schichttorte, und je tiefer man gräbt, desto älter die Mauern. Besonders beeindruckend ist die Hafenbucht, aus der noch die Fundamente der Kreuzritter-Burg aufragen.

Mehrere alte Kirchen und Moscheen vervollständigen den Traum jedes Historikers.

Manche Besucher scheinen dieses Erbe allerdings auf sehr seltsame Art und Weise gewürdigt zu haben...

Das beste Humus Israels?

In Haifa hat Akko die Hummus-Weltmeisterschaft gewonnen. Die Mehrheit der Israelis hier denken als erstes an Essen wenn es um Akko geht, und dann erst an die 3000 Jahre alte Geschichte. Sobald man die Umgebung der Stadt verlässt gilt zwar direkt ein beliebiger anderer Ort als Hummus-Meister, aber ich denke mal das funktioniert hier ähnlich wie der Wettbewerb ums beste Bier in Deutschland. Natürlich wollte ich trotzdem selbst testen, und habe mir von meinem Chef Amir eine Hummus-Quelle empfehlen lassen. Mir fehlt noch die Expertise, um das (?) Hummus im nationalen Ranking einzuordnen, aber es hat auf jedenfall gut geschmeckt.

Endlich Flachland!

Akko hat mir sehr gut gefallen, wozu neben der Geschichte und dem Essen noch ein weiterer Aspekt beigetragen hat: Akko ist flach. Obwohl ich mich an die Hügel Haifas gewöhnt habe, bleibe ich doch im Herzen ein Kind der Ebene...

Der Hügel am Horizont ist übrigens Haifa!

Ein Hippie-Camp im Nationalpark

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Dieses Wochenende war ich zusammen mit Laura, einer der Freiwilligen die ich letzte Woche in Kfar Saba besucht habe, im Carmel Nationalpark wandern. Davor fand jedoch von Mittwoch auf Donnerstag ein weiteres Fest statt (Shanah Tova), zu dem mich meine "Ober-Chefin" Silvi zum Essen eingeladen hat.  Mehr dazu und unseren Begegnungen mit Hippies, Hipstern und Hitchhikern in diesem Beitrag!

Shanah Tova first, Nationalpark second!

Shanah Tova markiert das Ende der momentanen Feiertagssaison. An Shanah Tova wird die Tora-Lesung des letzten Jahres beendet, und die Lesung des neuen Jahres begonnen. Aus diesem Anlass wird in den Synagogen getanzt und gefeiert, und wie bei fast jedem Fest ausgiebig gegessen. Silvi, quasi die Chefin meiner Chefs und fantastische Ansprechpartnerin für alle Freiwilligen, hat Claudia, Claudias Vor-Vorgängerin Bettina und mich spontan eingeladen und spontan ein kleines Bankett auf die Beine gestellt. Silvis Mann Igal hat uns von seiner Übernachtung in der Laubhütte nach Sukkot berichtet, und so hatten wir einen sehr schönen Abend.

Wo parken im Nationalpark?

Donnerstagabend, nachdem die Züge wieder rollten, ist Laura dann in Tel Aviv angekommen. Am Freitagmorgen sind wir mit dem Bus zur Universität von Haifa, dem Technion, gefahren. Von dort konnten wir einen ersten Blick auf die Hänge des Nationalparks werfen. Der "Carmel National Park" zieht sich von Haifa durch das ganze Carmelgebirge nach Süden, und besteht größtenteils aus strauchigen Hügeln und bewaldeten Wadis (Schluchten), immer mit Blick auf das Mittelmeer. Nachdem wir einen Weg aus dem Unigelände gefunden hatten, sind wir selbst eingetaucht in das Schluchtengewirr des Parks.

Unser Plan bestand im wesentlichen daraus, irgendwie einen Campingplatz zu finden, und am Samstag dann irgendwie zurück nach Haifa. Obwohl die Wanderwege sehr gut ausgeschildert sind, sucht man eine Übersichtskarte in Israel vergeblich. So haben wir uns mit einer Mischung aus Gefühl und Google Maps zurechtgefunden.

An diesem ersten Tag, in unmittelbarer Nähe zu Haifa, begegneten uns ziemlich häufig andere Wanderer. Insbesondere Pfadfindergruppen waren immer mindestens zu zweit in einem Wadi unterwegs, sodass es meistens etwas weniger still war als erwartet. Die Wege führten uns, teilweise mit kleinen Klettereinlagen, durch mehrere Schluchten in Richtung Beit Oren. Unser Ziel, der Campingplatz, sollte irgendwo in unmittelbarer Nähe dieses ehemaligen Kibbuz liegen.

Mitten in einer sehr engen Schlucht begegnete uns dabei dieses ungewöhnlich geparkte Fahrzeug. Die Schlucht war definitiv zu eng zum Autofahren, wer auch immer diesen Wagen dort hin gesteuert hat, ich hoffe er ist ausgestiegen bevor das Auto abgestürzt ist!

Hippies und Hipster

Am späten Nachmittag erreichten wir den Campingplatz. Dafür das wir ziemlich ohne Vorwissen diesen Ort ausgesucht hatten, haben wir ziemlich Glück gehabt. Das Personal des Platzes bestand größtenteils aus israelischen Freiwilligen. Die ganze Anlage hatte etwas hippiehaftes, unter anderem gab es ökologische Sanitäranlagen (=das Wasser wurde vor Ort wiederverwendet) und kleine Gartenflächen überall. Zum ersten Mal in Israel habe ich den Versuch einer Mülltrennung gesehen! Die Gäste haben das Konzept leider nicht wirklich verstanden, deswegen lag trotzdem auch im Kompost- und Glas-Container Plastik. Israelis sind keine guten Umweltschützer!

Die meisten Gäste waren junge Familien aus Tel Aviv, wohlhabend und hip. Es war ziemlich lustig als mich ein 40-Jähriger, erfolgreicher Architekt mit Kindern fragte, ob Fleisch in den organischen Müll gehört oder nicht doch zum Plastik. Wie gesagt, Israelis und Umwelt ist eine Geschichte für sich. Am Lagerfeuer sorgte unser Alter für Gesprächsstoff, da Israelis erst ihren Militärdienst absolvieren müssen nach der Schule.

Obwohl wir etwas gemütlicher hätten schlafen können, war der Campingplatz ein echter Glücksgriff. Uns wurde sogar angeboten, beim nächsten Mal für etwas Arbeit umsonst dort zelten zu dürfen. Wenn ich das nächste Mal wandern gehe, weiß ich wo ich zelte!

Irrungen, Wirrungen

Da wir am Vortag mit einem guten Zeitpuffer das Camp erreichten, wollten wir auf dem Rückweg einen kleinen Schlenker zu einem Aussichtspunkt machen, von dem Laura gehört hatte. So wanderten wir ein Stück weiter nach Süden auf den Berghängen, und wollten dann vom Aussichtspunkt zum Meer hinab. Leider fanden wir den Aussichtspunkt jedoch nicht. Dafür konnten wir aber auch vom Wanderweg aus einen guten Blick auf das Meer bekommen. In diesem Gebiet standen noch viele verkohlte Bäume, vermutlich vom letzten Waldbrand vor ein paar Jahren. Bei diesem Feuer kamen einige Menschen ums Leben und ein Großteil der Grünflächen brannte ab, große Teile der Flora hatten sich aber bei unserem Besuch schon regeneriert.

Irgendwann gaben wir die Suche nach der Aussichtsplattform auf. Der Weg zum Meer stellte uns vor einige Herausforderungen, und wir sind auf einem Berghang in eine Sackgasse gelaufen und mussten die Strecke zweimal wandern. Schlußendlich standen wir 200 Meter vom Strand entfernt - und zwischen uns eine Bahntrasse ohne Übergang weit und breit. Nach diesem Schlag entschlossen wir uns zur Rückkehr nach Haifa via Tramping (wir waren mittlerweile in bewohntem Gebiet angelangt). Überraschenderweise gabelte uns schon nach fünf Minuten ein Autofahrer auf. Er meinte, wir sähen nicht wie Araber aus, deshalb würden Leute auch anhalten. Außerdem hätten ihm in Deutschland auch Leute geholfen, jetzt wolle er den Gefallen erwiedern.

Während der anstrengenden Wanderung hatten wir irgendwann begonnen, uns mit der Vorstellung von Milchnudeln zu mobilisieren. Glücklicherweise hatte der arabische Supermarkt beim Molada noch auf, und so konnten wir diesen Tagtraum auch umsetzen. So fand unser schöner Ausflug einen passenden Abschluß. Den Carmel Nationalpark kann ich nur empfehlen!

Auf nach Tel Aviv!

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Wie ich bereits subtil angedeutet habe, war mein Plan für dieses Wochenende mein erster größerer Ausflug - Ich habe eine Freiwilligen-WG in Kfar Saba besucht, einem Vorort von Tel Aviv! Von dort aus bin ich dann weiter ins Herz der "Stadt der Jugend" vorgestoßen.

´Tschuu tschuu!!!

Von Mittwoch bis Donnerstag war bei uns ein weiteres Fest, Sukkot. Bei diesem "Laubhüttenfest" bauen die Juden in ihren Gärten in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten die namensgebenden Strohunterstände auf. Diese bleiben dort eine Woche, bis zum "Simchat Tora". Dieses Fest erkläre ich euch aber erst, wenn´s soweit ist. In dieser Feiertagssaison kommt man gar nicht mehr hinterher mit seltsamen Bräuchen und gastfreundlichem Essen.

Am Mittwoch habe ich bereits meinen ersten Besucher empfangen. Frederick vom DRK aus Rishon hat bis zum Samstag in meinem Zimmer übernachtet. Eigentlich wollten wir am Mittwochabend noch etwas unternehmen, aber dem armen ging es leider nicht so gut. Natürlich freue ich mich trotzdem immer über Gäste, und Gastfreundschaft zahlt sich schließlich für jeden Freiwilligen aus.

Da an den Feiertagen (mal wieder) wenig los war auf den Straßen, bin ich erst am Donnerstag mit dem ersten Zug nach Kfar Saba gelangt - um 20 Uhr. Abgesehen von den Metalldetektoren und den Ticketpreisen (viel billiger als in Deutschland) unterscheidet sich Zugreisen in Israel nicht allzu sehr von Deutschland. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass die Züge hier das gleiche Modell  wie die REs in Deutschland sind. Gegen 21:30 Uhr bin ich dann bei meinen Mitfreiwilligen in Kfar Saba angekommen.

Unsere barmherzigen Samariter

Meine Gastgeber wohnen zu fünft (hoffentlich habe ich mich nicht verzählt!) auf dem Gelände ihrer Arbeitsstelle in einer Wohnung. Von den WGs die ich bisher zu sehen bekommen habe (bzw. von denen mir erzählt wurde) ist diese definitiv die komfortabelste. Keine zweifelhaften Sanitäranlagen, kein Ungeziefer und sogar reichlich Platz für alle! Dank dem letzten Punkt war ich nicht der einzige Gast. Nick aus Rishon LeZion und Julian aus Jerusalem waren ebenfalls zu Besuch, und so hatten wir eine ziemlich nette Runde. Danke nochmal an unsere lieben Gastgeber, die trotz ihrer Arbeitszeiten gleich drei(!) Gäste gleichzeitig aufgenommen und sogar noch mit Essensresten aus der Einrichtung versorgt haben!

Unsere Gastgeber arbeiten alle in der gleichen  Einrichtung für Autisten, und helfen bei der Betreuung der "Friends". Im Vergleich mit meinen Aufgaben ist die Behindertenbetreuung allerdings etwas actionreicher!

Der Tel Aviv- Standard

Meinen ersten Ausflug nach Tel Aviv habe ich gegen Freitagmittag begonnen. Von der Busstation aus bin ich zuerst auf den Carmel-Markt gestoßen. Damit bin ich der touristischen Standardtour gefolgt. Obwohl der verwinkelte Markt mit seinen vielen Ständen und Schaustellern wirklich sehenswürdig ist, hat mich doch etwas gestört dass ich dort fast mehr Deutsch als Hebräisch gehört habe.

Durch die tunnelartigen Gassen des "Shuk" (Markt) bewegte ich mich auf den Tel Aviver Stadtstrand zu. Der Strand ist genau so cool wie der in Haifa, hat allerdings einen anderen "Vibe" durch seinen urbanen Charakter. Tel Aviv merkt man einfach an das es eine richtige Großstadt ist, kein 200.000 Seelen-Städtchen wie Haifa.

Meine temporäre Heimat ist zwar dank der Universität hier schon sehr jugendlich geprägt, kann jedoch an Hipstertum mit Tel Aviv nicht mithalten. Zufälligerweise war Melanie auch dieses Wochenende in Tel Aviv, und anscheinend fühlt diesen Unterschied nicht nur ich.

Ein außergewöhnlicher Abend!

Am Freitagabend, also zu Beginn des Shabbat (im Judentum beginnt und endet ein Tag Abends),  wird traditionell ein Shabbatmahl veranstaltet. Unverhoffterweise haben die Mitarbeiter der Einrichtung alle Freiwilligen eingeladen, mit ihnen und den Friends draußen in der Laubhütte an diesem Essen teilzunehmen - auch uns Gäste! Nick war schon abgereist, Julian und ich jedoch sind der Einladung gerne gefolgt. Ich als einziger Freiwilliger ohne Erfahrung mit den Friends (Julian hat sogar schon eine Ausbildung in dem Bereich) war vor meinem ersten Kontakt ziemlich nervös. Was, wenn ich einen der Friends aus Versehen aus seiner Routine werfe, oder ich eine geklatscht bekomme (das kommt wohl häufig vor)???

Meine Angst war jedoch unbegründet. Die "Friends" waren alle sehr lieb, und ich fand ihr Verhalten extrem spannend. Meistens sind sie einfach ziemlich kindisch, und das ist ziemlich süß. Die "Worker" waren sehr nett, und unsere "Volunteers" kann man gar nicht genug loben.

Das Shabbat-Mahl zeichnet sich dadurch aus, dass männliche Juden eine Kippa tragen, am Anfang ein Glas "Wein" (Traubensaft) getrunken wird, und sehr leckeres Brot gegessen wird. Daneben gibt es das wie gewohnt gute Feiertagsessen. Wenn die Feiertagssaison nicht bald endet, platze ich irgendwann vor lauter Braten und Humus.

Mein erster Shabbat-Abend zusammen mit den Friends - dass werde ich nicht so schnell vergessen!

Rastafari und das Bahnhofsviertel

Da an Shabbat erst ab 16 Uhr die ersten Busse wieder fahren, habe ich mich am Samstagvormittag dem gepflegten Nichtstun gewidmet. Die Zeit zwischen dem ersten Bus und dem letzten Zug (circa fünf Stunden) habe ich am Abend nochmal in Tel Aviv verbracht. Dank Secret Tel Aviv, der wichtigsten Website für alle Besucher Tel Avivs, habe ich auf dem Rothschild-Boulevard noch eine Reggae-Session besucht.

Schließlich bin ich zu einem der Bahnhöfe Tel Avivs aufgebrochen, um meinen Ausflug zu beenden. Das Viertel um die Gleise hat sich wahnsinnig vertraut angefühlt, und hatte was vom Worringer Platz in Düsseldorf. Bahnhöfe scheinen wirklich überall gleich zu sein, und obwohl es deutlich schickere Gegenden gibt, habe ich doch eine Vorliebe für diese Stadtteile.

Wasser!

Vom Bus habe ich mich in Haifa quasi direkt ins Bett fallen lassen. Mein erster Ausflug hat mir total Spaß gemacht und ich habe sehr viel neues, interessantes gesehen. Müde ist man am Ende dann trotzdem.

Gestern hat es zum ersten Mal geregnet in Haifa. Kälter ist es jedoch noch nicht geworden, das Tropenfeeling hält also an. Ich hoffe, auch meine nächsten Ausflüge werden durch meine sympathischen Mitfreiwilligen und die bloße Faszination Israels genauso fantastisch wie mein erster!

Ein erstes Fazit!

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Seit etwas mehr als einem Monat bin ich jetzt in Israel. Seitdem habe ich eine Menge erlebt, gelernt und geschrieben. Wie ich dieses ganze "Gesamtpaket Israel" finde, was mir erst später aufgefallen ist, was mir gefallen hat und was nicht... Das erfahrt ihr jetzt in meinem ersten Fazit!

Kommt Zeit, kommt Rat

Manche Dinge merkt man erst nach dem ersten Ankunftsschock. Obwohl mir am ersten Tag direkt die amerikanischen Autos aufgefallen sind, habe ich die mentale und soziale Ähnlichkeit zwischen Israel und den USA erst später wirklich wahrgenommen. Israel ist mittlerweile wohl ein größeres Einwanderungsland als das "Mutterland aller Ausgewanderten" selbst. Jeder Israeli, mit dem ich mich über seine Familie unterhalten habe, hat mindestens einen Vorfahren aus jedem Land Europas. Dieser tief verwurzelte Multikulturalismus fällt einem halt erst umfassend ins Auge, wenn man genügend Israelis kennt die einem ihren Familienstammbaum erklären wollen.

Der arabisch-israelische Konflikt hängt mit meiner ersten Beobachtung eng zusammen, und tritt in wahnsinnig vielen Facetten auf. Während Hardliner beider Seiten die bloße Existenz des Gegners leugnen, üben in meiner Kampfschule Araber und Juden miteinander die Abwehr eines Messerangriffs. Alle paar Jahre landen Raketen in Israel und die IDF macht ein paar Siedlungen platt, dazwischen sitze ich mit Arabern und Juden in einer WG und diskutiere über ein Informatik-Studium. Israel ist extrem politisiert durch diesen Konflikt, gleichzeitig leben aber doch irgendwie alle miteinander. Ich sehe etwas mehr, aber ich denke nicht dass ich diese Problematik wirklich verstanden habe oder verstehen kann, und gebe mir alle Mühe mir kein Urteil zu bilden.

Jammern auf hohem Niveau

Pro forma: ein, zwei Kleinigkeiten gefallen mir hier nicht so sehr. Die Begrüßungsfrage "Ma Nischma?" (Wie geht es dir?) ist so formal, dass meistens noch nichtmal die Antwort abgewartet wird, da muss ich mich erst dran gewöhnen. Mir fehlt Lasagne und Hackfleisch. Und ich habe diesen Absatz gerade ausversehen gelöscht, deswegen fällt der Negativ-Teil  noch kürzer aus als geplant!

What a wonderful land...

Mir gefällt hier alles! Wir haben immer noch um die 25 Grad, zum ersten Mal in meinem Leben ein warmer Strand! Ich mag meine Arbeitskollegen und Mitfreiwilligen und Sportlerkumpel und random Leute an der Supermarktkasse, die mit mir plaudern weil sie an meinem Englisch hören dass ich aus Deutschland komme! Ich mag das Feeling der Stadt und die Aussicht vom Carmelberg. Ich mag die Studenten und die Volontäre aus aller Welt! Und ich mag die Katzen und die Internetanbindung!!!

Im Sinne der Inklusion auch in einfacher Sprache: Mir gefällt es hier sehr, sehr gut.

Wohin jetzt?

Mir gefällt mein jetziger Blogstil, unregelmäßig Beiträge zu verfassen, sobald mich etwas interessiert oder mir ins Auge springt. Und da ich mich nun so langsam eingelebt habe, werde ich diesen Monat deutlich mehr unternehmen und zu berichten haben! (Teaser: Diesen Shabbat bin ich in Tel Aviv!) Ich hoffe, das euch meine Berichte gut gefallen haben. Wenn ihr Anregungen oder Kritik habt, lade ich euch ein diesen Monat ebenfalls ein Fazit zu ziehen und nach Herzenslust zu kommentieren!

Danke fürs lesen, und weiter geht´s!

Dieses Jahr feiere ich zweimal Neujahr…

Veröffentlicht 5 KommentareVeröffentlicht in Israel, Tagebuch

Der jüdische Kalender richtet sich nicht nach der Sonne, sondern nach dem Mond. Das jüdische Neujahrsfest, Rosh Hashanah, findet dieses Jahr vom 20. bis 22. September statt. Ich hatte die Ehre, bei einem meiner Kollegen zur Familienfeier am ersten Neujahrsabend eingeladen zu sein. Zeitgleich ist bei uns im Molada eine religiöse Familie zu Gast. So konnte ich einen Einblick in  die unterschiedlichen Neujahrstraditionen gewinnen.

Yair und seine Familie

Mein Kollege Yair ist nicht ständig im Beit Rutenberg, sondern arbeitet als IT-Fachmann für mehrere Institutionen in Haifa. Ohne das wir länger Kontakt hatten, hat er mich quasi direkt nach unserem Kennenlernen eingeladen mit seiner Familie Rosh Hashanah zu feiern. Diese Spontanität ist typisch für Israelis. Da ich das erste mal bei einem Israeli eingeladen war, war ich ganz schön nervös im Vorfeld, und habe meinen Chef Amir nach möglichen Fettnäppchen befragt - schließlich wollte ich Yairs großzügige Einladung nicht mit irgendeinem ungewollt gestörten Ritual oder so vergelten. Zum Glück scheint es aber an Rosh Hashanah keine größeren Rituale zu geben, sodass ich wenig falsch machen konnte.

Yair wohnt in einer Wohnung auf einem der anderen Berghänge Haifas, sodass ich von mir (auf dem Carmelberg) ein Taxi nehmen musste. Ich traf als zweiter Gast ein. Neben seiner Frau und einer seiner zwei Töchter hatte Yair noch die Eltern seiner Frau, die Schwester seiner Schwiegermutter, den Bruder seiner Frau und dessen Mann sowie deren zwei Kinder eingeladen. Wie in Deutschland an Weihnachten, Ostern oder Sylvester ist Rosh Hashanah ein Fest, an dem sich die ganze Verwandschaft trifft. Yairs älteste Tochter konnte allerdings nicht kommen, da sie gerade ihren Dienst in der Army ableistet, und einer Einheit an der ägyptischen Grenze zugeordnet wurde. Seine jüngere Tochter leistet ebenfalls ihren Dienst, hatte jedoch das Glück einer IT-Einheit in Haifa zugeteilt zu werden.

Mit Yairs Schwiegervater habe ich mich über die Mentalität in Deutschland und Israel unterhalten, seine kleine Nichte lernt gerade Englisch und hat genau so schüchtern "Thanks" gesagt wie ich das hebräische "Toda". Seine Tochter hat mir von ihren Besuchen in Bremen erzählt, und der Mann seiner Schwägerin (ein Polizist) hat mich entgeistert gefragt, warum ich bitte nach Israel kommen wollte! Ich denke manchmal, die Israelis müssten einmal in der Nordsee baden, um zu wissen warum Freiwillige nach Israel wollen. Die Atmosphäre eines Familienfestes ist glaube ich überall ähnlich. Die Lautstärke der Gespräche ist ziemlich genau auf dem Level eines Wedding-Familientreffens gewesen, und der Umgang miteinander hat mich ebenfalls an meine Onkel erinnert 😉

Auch Neujahr, aber nicht Sylvester

Rosh Hashanah findet zwar aus demselben Anlass statt wie Sylvester, hat jedoch eine etwas andere Relevanz als bei uns. Das jüdische Neujahr ist generell etwas ernster. An Rosh Hashanah soll Gott Gericht halten über die Menschen. Die Taten einer Person an Rosh Hashanah sollen deshalb sein Schicksal für das ganze Jahr beeinflussen. Das Prinzip ähnelt etwas unseren Neujahrsvorsätzen, allerdings nehmen Israelis ihr Verhalten vielleicht etwas ernster (und brechen nicht nach einer Woche alle Vorsätze). Anders als an Sylvester gibt es kein Feuerwerk - das ist allerdings in Israel sowieso selten, um die Raketenabwehrsysteme nicht zu verwirren.

Ich hatte mit Yairs Schwiegereltern ein sehr interessantes Gespräch, in dem sie mir die unterschiedlichen Neujahrsrituale erklärten. Die Einhaltung dieser Traditionen hängt jedoch stark davon ab, wie religiös eine Familie ist. Yairs Verwandschaft ist eher unreligiös, obwohl sie aus Tradition einige Bräuche beibehalten. Yairs Schwiegervater hat vor dem Essen einige traditionelle Rosh Hashanah-Gebete rezitiert. Außerdem haben wir Äpfel mit Honig gegessen, ein Symbol dafür, dass das neue Jahr süß werden möge.

In den Synagogen wird normalerweise am letzten Neujahrsmorgen ein spezielles Horn geblasen, das Shofar-Horn. Da dieses Jahr der Morgen jedoch auf einen Freitag fällt, entfällt das Horn, da an Shabbat ja nicht gearbeitet werden darf.

Das Essen...

Ich muss einfach noch ein bisschen vom Essen schwärmen. Yair ist ein fantastischer Koch, und ich werde wahrscheinlich selten hier so gut essen dürfen wie bei ihm. Ein komplettes Vier-Gänge-Menü mit Suppe, Vorspeisen, verschiedenen Salaten, Braten, einem Hähnchen... Himmlisch. Und zu allem Überfluss so reichlich, dass wir mit 12 Personen nur einen Bruchteil jeden Ganges vertilgen konnten. Yairs Frau hat mir einen Bruchteil des Desserts eingepackt, und ich kann mich jetzt wohl tagelang von marrokanischen Zuckerblättern und Windbeuteln ernähren!

Durch Zufall war mein kleines Dankeschön, ein Wein, wohl ziemlich gut (oder alle zu höflich, um mir etwas anderes zu erzählen). Also, sollte irgenwann jemand von euch zu einem jüdischen Neujahrsfest eingeladen werden, nehmt auf jedenfall an.

Ein Rabbi vor der Tür!

Über Rosh Hashanah haben wir auch einen Rabbi mit seiner Familie zu Gast in Molada. Das ist mein erster näherer Kontakt mit wirklich religiösen Juden, und auf den ersten Moment schon etwas befremdlich. In unserer Küche steht jetzt eine dauerhaft laufende Kochplatte, da unsere Gäste an den Feiertagen kein Licht erzeugen dürfen.

Die Glühbirne im Kühlschrank ist ausgeschraubt, und das Küchenlicht ist dauerhaft an. Der Rabbi betet sehr häufig und ist ein echt netter Typ. Seine Frau natürlich auch, berührt jedoch keine fremden Männer - das war etwas seltsam als ich ihr zur Begrüßung die Hand schütteln wollte! Die beiden haben zwei kleine Söhne, deren Spiele das Gästehaus etwas belebter machen.

Unser Gast hat mir übrigens vor meiner Abfahrt zu Yair ebenfalls gesagt der Wein in meiner Hand sei sehr gut, vielleicht hatte ich also tatsächlich Glück. Auch wenn ich unsere Gäste sehr sympathisch finde, fällt es mir schwer, eine derart religiös geprägte Lebensweise nachzuvollziehen. Dennoch finde ich beeindruckend, das religiöse Juden wie unsere Gäste und säkuläre Familien wie die von Yair dieselben, Jahrtausende alten Grundrituale befolgen.

Meine ersten Arbeitstage, die Bahai-Gärten und Krav Maga

Veröffentlicht 4 KommentareVeröffentlicht in Israel, Tagebuch

Auch diese Woche habe ich wieder eine Menge erlebt! Ich habe meine Arbeitsstelle angetreten, und zusammen mit meiner Mitfreiwilligen Melanie die Bahai-Gärten (zumindest teilweise) und einen Krav Maga Kurs besucht. Bei uns im Gästehaus Molada sind außerdem die ersten Gäste eingetroffen, und ich habe meine Rav-Kav bekommen! Wer jetzt nur Bahnhof versteht - Weiterlesen!

Meine Arbeit im Rutenberg-Institut

Diesen Sonntag habe ich meinen Chef Amir kennengelernt, und meine Arbeitsstelle im Medienzentrum des Beit Rutenberg angetreten. Da in Israel Freitag und Samstag das Wochenende bilden, ist hier der Sonntag quasi wie ein deutscher Montag. Das ist erstmal ziemlich verwirrend, und ich brauche wohl etwas Zeit bis ich mich vollends dran gewöhnt habe.

Amir ist (wie alle Mitarbeiter im Beit Rutenberg) total nett. Zusammen mit Jacqui, die ich am Montag ebenfalls kennenlernen durfte, leitet er das Medienzentrum. Unsere Abteilung hat ein eigenes Gebäude auf dem Instituts-Gelände, und ist mit einem richtigem Filmstudio, Greenscreen und mehreren Computerräumen sehr gut ausgestattet. Die Düsseldorfer unter meinen Lesern kennen vielleicht das Filmmuseum - meine Arbeitsstelle ist dem ziemlich ähnlich. Wir arbeiten eng mit mehreren Schulen in Haifa zusammen, die regelmäßig Klassen in das Medienzentrum schicken. Hier lernen die Schüler dann den Umgang mit Kameras, Filmbearbeitung (mit Adobe Premier!) und alles andere rund um die Filmroduktion.

Jacqui und Amir verwalten das Zentrum, und geben zusammen mit drei anderen Lehrern Unterricht. Ich bin als Helfende Hand im Einsatz - Unterstützung beim Filmschnitt, Bereitstellung der technischen Mittel... Da die regulären Klassen erst nächste Woche beginnen, waren wir die letzten Tage vor allem mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Dateien kopieren und übertragen, Tabellen säubern und vorbereiten, Kopfhörer testen, Stühle schleppen, mich in Premiere einfinden... Mir haben meine bisherigen Aufgaben viel Spaß gemacht, und ich freue mich schon sehr auf die ersten Schüler!

Die Bahai-Gärten und Downtown

So sehr mir meine Arbeit auch gefällt, habe ich natürlich dennoch nicht im Büro geschlafen, sondern mir an den Nachmittagen viel von Haifa angesehen. Mit Melanie konnte ich einen Blick auf die Bahai-Gärten werfen. Die Bahai sind eine kleine Religionsgemeinschaft, die hier in Haifa ein sehr großes (und schönes) Heiligtum unterhalten. Die Gärten sind DAS Postkartenmotiv hier, und völlig zurecht gerade von der Deutschen Kolonie am Hafen aus hat der Blick auf die symmetrischen Wege, blühenden Beete und die große, goldene Kuppel etwas atemberaubendes. Leider ist momentan ein Großteil der Gärten aufgrund von Bauarbeiten nicht zugänglich.

Im Laufe der Tage habe ich auch das erste mal Downtown besucht. Dort, in der Nähe des Hafens, leben vor allem arabische Israelis mit geringerem Einkommen als die Bewohner der höhergelegenen Viertel. Ich habe an diesem Nachmittag zwar meine Kamera mitgenommen, meine SD-Kare jedoch in meiner Unterkunft liegen lassen. Sobald ich das nächstemal in der Gegend bin, werde ich aber mein Versäumniss aufholen und an dieser Stelle einen Link bereitstellen. Die Bilder der bunten Geschäfte und Märkte möchte ich euch nicht vorenthalten!

Bei meinem Besuch in Downtown habe ich auch meine Rav-Kav Karte besorgt. Die Rav-Kav kann bei jedem Busfahrer mit Geld aufgeladen werden, und bei jeder Ladung erhält man 20% des Betrags als Extra-Guthaben dazu. Das ist super praktisch, und macht Reisen hier noch billiger als es onehin schon ist.

Krav Maga

Da ich in Düsseldorf sehr lange Judo gemacht hatte, und jetzt nach einer Pause gerne wieder einen Kampfsport ausüben möchte, hatte ich am Mittwoch mein erstes Probetraining Krav Maga. Meine Mitfreiwillige Claudia hatte für mich den Kontakt zu Bettina hergestellt, die mir eine Trainingsschule empfehlen konnte. Bettina war von 2014 bis 2016 die Freiwillige im Beit Rutenberg und hatte Claudias jetzige Position als rechte Hand unserer Chefin Silvi inne. Nach ihrem Einsatz zog sie nach Israel um, und hat jetzt schon mehrere Jahre Krav Maga hinter sich. Melanie und ihre französischen WG-Mitglieder sind dann auch noch mitgekommen, und so war ich nicht der einzige Neuling.

Krav Maga ist eine israelische Kampfsportart, die sich durch starke Praxisorientierung und realistische Technik auszeichnet. Diese Qualitäten machen Krav Maga zu einer der beliebtesten Kampfschulen im Selbstverteidigungsbereich. Auch Militär und Polizei schätzen Krav Maga - In unserem Trainingsraum hing eine Auszeichnung an der Wand, in der unserem Trainer für das Ausbilden amerikanischer Sicherheitsbeamter gedankt wurde!

Im Vergleich zu Judo gefällt mir besonders das Fehlen von umfangreichen Ritualen und Traditionen - ein Kennzeichen aller ostasiatischen Kampfsportarten. Gleichzeitig übernimmt Krav Maga jedoch viele sinnvolle Aspekte des Judos, insbesondere den Bodenkampf und das Prinzip der Kraftumleitung - der Gegner schlägt sich selber. Ergänzend werden Schlag- und Tritttechniken gelehrt. Mir hat das Training viel Spaß gemacht, und ich überlege weiterzumachen.

Die ersten Gäste sind da!

In Molada, dem Gästehaus des Rutenberg Instituts leben nicht nur wir Freiwillige, sondern regelmäßig melden sich auch Gäste an, die für mehrere Nächte eins der freien Zimmer mieten. Claudia und ich sind dabei immer involviert. Wir stehen bei Fragen zur Verfügung und stellen die Schlüssel bereit, Claudia verwaltet die Buchungen, und ich sorge dafür, dass Morgens das Frühstück bereitsteht.

Als ich am Mittwochabend abgekämpft vom Training zurückkam, standen gerade unsere ersten Gäste in der Tür. Es ist sehr spannend für andere eine Hilfe zu sein, und ich denke, dass ich mit der Zeit unseren Besuchern immer bessere Tipps geben kann. Immerhin bin ich jetzt selbst ein Einwohner Haifas! Wenn ich schon nicht in einer WG wohne, habe ich so zumindest regelmäßig neue und interessante Leute im Haus.

Mein erster Tag in Israel und meine Ankunft in Haifa

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Nachdem ich gestern nicht die Ruhe gefunden habe für einen ausführlichen Text zu meiner Ankunft, hatte ich nur einige meiner Fotos hochgeladen. Heute habe ich etwas mehr Zeit, und deshalb folgt jetzt alles, was mir so passiert ist und was mir nach meiner Ankunft direkt aufgefallen ist.

Mein Flug und der Ben-Gurion-Flughafen

Nachdem mich meine Eltern schon um 3 Uhr morgens am Düsseldorfer Flughafen zum letzten Mal umarmt hatten, hatte ich das Vergnügen  4 Stunden lang mit angezogenen Knien im Flugzeug nach Tel Aviv zu sitzen. Das klang jetzt schlimmer als es war, denn vom Platzmangel abgesehen verlief der Flug sehr gut. Kurz vor der Landung hatten wir aus dem Flugzeug eine fantastische Aussicht auf eine Stadt am Mittelmeer-Ufer, und ich konnte einen ersten Blick auf meine temporäre Heimat werfen. Hochhäuser, Strand und Meer haben einen ziemlich guten ersten Eindruck abgegeben...

Nach der Landung ging es im Flughafengebäude jedoch auf die Passkontrolle zu, und an diesem Punkt bekommt wohl jeder Freiwillige weiche Knie. Die Israelis sind nämlich für ihre (nachvollziehbare) Paranoia berüchtigt. Zwei meiner Mitfreiwilligen haben mir später in Haifa erzählt, dass sie durch eine der gefürchteten Befragungen mussten, in denen alle möglichen persönlichen Fragen  gestellt werden. Am unheimlichsten ist jedoch, dass die israelischen Behörden schon wissen wie der Name deiner Cousine buchstabiert wird, und wo dein Vater wohnt! Bei solchen Aussichten hatte ich verständlicherweise kein Interesse an einer unangenehmen Untersuchung.

Glücklicherweise ging dieser Kelch an mir vorüber - dafür musste ich allerdings 90 Minuten in einer Halle rumstehen und auf mein Visum warten. Fotografieren und Filmen war auf dem Flughafengelände übrigens aus Sicherheitsgründen untersagt, deshalb habe ich nichts visuelles von meiner Landung zu zeigen.

Die Fahrt nach Haifa und die Ankunft im Rutenberg-Institut

Nachdem auch die Freiwilligen aus dem Flug nach mir durch die Visavergabe kamen, wartete ein Shuttle nach Haifa auf uns. Über die israelische Autobahn brauchten wir ca. 2 Stunden in Haifa. Die meisten Straßenschilder sind hier zum Glück auf Hebräisch, Arabisch und Englisch, sodass auch ich mich nicht verlaufen kann.

arabisch-hebräisch-englisch

Auto in Israel

Außerdem ist mir aufgefallen, dass in Israel Autos eher nach amerikanischem Muster unterwegs sind. Viele Geländewagen und breite SUVs neben verstaubten Kleinwagen. Ein starker Kontrast also zu den Hochglanz-Limousine in Deutschland. Anders als dort sind hier geländegängige Wagen jedoch auch nötig, das Terrain ist staubig und sehr hügelig.

Hügel in Israel

Entlang der Strände fuhren meine Mit-Freiwilligen und ich auf den Carmel-Berg zu. Hier oben, auf der Spitze des "Stadtberges", liegt meine Einsatzstelle und der Veranstaltungsort unseres Vorbereitungsseminars: Das Rutenberg-Institut. Nach 13-stündiger Reise konnte jedoch jeder von uns nur noch erschöpft in sein Bett fallen und auf das Abendessen in der Kantine warten.

Mit der Zeit trudelten und trudeln auch die anderen Freiwilligen hier ein, teilweise erst um 3 Uhr nachts. So beginnt nun nach unserer Ankunft am Sonntag heute endlich unser Vorbereitungsseminar, und damit auch unser Israeleinsatz.