IsraelTagebuch

Dieses Jahr feiere ich zweimal Neujahr…

Der jüdische Kalender richtet sich nicht nach der Sonne, sondern nach dem Mond. Das jüdische Neujahrsfest, Rosh Hashanah, findet dieses Jahr vom 20. bis 22. September statt. Ich hatte die Ehre, bei einem meiner Kollegen zur Familienfeier am ersten Neujahrsabend eingeladen zu sein. Zeitgleich ist bei uns im Molada eine religiöse Familie zu Gast. So konnte ich einen Einblick in  die unterschiedlichen Neujahrstraditionen gewinnen.

Yair und seine Familie

Mein Kollege Yair ist nicht ständig im Beit Rutenberg, sondern arbeitet als IT-Fachmann für mehrere Institutionen in Haifa. Ohne das wir länger Kontakt hatten, hat er mich quasi direkt nach unserem Kennenlernen eingeladen mit seiner Familie Rosh Hashanah zu feiern. Diese Spontanität ist typisch für Israelis. Da ich das erste mal bei einem Israeli eingeladen war, war ich ganz schön nervös im Vorfeld, und habe meinen Chef Amir nach möglichen Fettnäppchen befragt - schließlich wollte ich Yairs großzügige Einladung nicht mit irgendeinem ungewollt gestörten Ritual oder so vergelten. Zum Glück scheint es aber an Rosh Hashanah keine größeren Rituale zu geben, sodass ich wenig falsch machen konnte.

Yair wohnt in einer Wohnung auf einem der anderen Berghänge Haifas, sodass ich von mir (auf dem Carmelberg) ein Taxi nehmen musste. Ich traf als zweiter Gast ein. Neben seiner Frau und einer seiner zwei Töchter hatte Yair noch die Eltern seiner Frau, die Schwester seiner Schwiegermutter, den Bruder seiner Frau und dessen Mann sowie deren zwei Kinder eingeladen. Wie in Deutschland an Weihnachten, Ostern oder Sylvester ist Rosh Hashanah ein Fest, an dem sich die ganze Verwandschaft trifft. Yairs älteste Tochter konnte allerdings nicht kommen, da sie gerade ihren Dienst in der Army ableistet, und einer Einheit an der ägyptischen Grenze zugeordnet wurde. Seine jüngere Tochter leistet ebenfalls ihren Dienst, hatte jedoch das Glück einer IT-Einheit in Haifa zugeteilt zu werden.

Mit Yairs Schwiegervater habe ich mich über die Mentalität in Deutschland und Israel unterhalten, seine kleine Nichte lernt gerade Englisch und hat genau so schüchtern "Thanks" gesagt wie ich das hebräische "Toda". Seine Tochter hat mir von ihren Besuchen in Bremen erzählt, und der Mann seiner Schwägerin (ein Polizist) hat mich entgeistert gefragt, warum ich bitte nach Israel kommen wollte! Ich denke manchmal, die Israelis müssten einmal in der Nordsee baden, um zu wissen warum Freiwillige nach Israel wollen. Die Atmosphäre eines Familienfestes ist glaube ich überall ähnlich. Die Lautstärke der Gespräche ist ziemlich genau auf dem Level eines Wedding-Familientreffens gewesen, und der Umgang miteinander hat mich ebenfalls an meine Onkel erinnert 😉

Auch Neujahr, aber nicht Sylvester

Rosh Hashanah findet zwar aus demselben Anlass statt wie Sylvester, hat jedoch eine etwas andere Relevanz als bei uns. Das jüdische Neujahr ist generell etwas ernster. An Rosh Hashanah soll Gott Gericht halten über die Menschen. Die Taten einer Person an Rosh Hashanah sollen deshalb sein Schicksal für das ganze Jahr beeinflussen. Das Prinzip ähnelt etwas unseren Neujahrsvorsätzen, allerdings nehmen Israelis ihr Verhalten vielleicht etwas ernster (und brechen nicht nach einer Woche alle Vorsätze). Anders als an Sylvester gibt es kein Feuerwerk - das ist allerdings in Israel sowieso selten, um die Raketenabwehrsysteme nicht zu verwirren.

Ich hatte mit Yairs Schwiegereltern ein sehr interessantes Gespräch, in dem sie mir die unterschiedlichen Neujahrsrituale erklärten. Die Einhaltung dieser Traditionen hängt jedoch stark davon ab, wie religiös eine Familie ist. Yairs Verwandschaft ist eher unreligiös, obwohl sie aus Tradition einige Bräuche beibehalten. Yairs Schwiegervater hat vor dem Essen einige traditionelle Rosh Hashanah-Gebete rezitiert. Außerdem haben wir Äpfel mit Honig gegessen, ein Symbol dafür, dass das neue Jahr süß werden möge.

In den Synagogen wird normalerweise am letzten Neujahrsmorgen ein spezielles Horn geblasen, das Shofar-Horn. Da dieses Jahr der Morgen jedoch auf einen Freitag fällt, entfällt das Horn, da an Shabbat ja nicht gearbeitet werden darf.

Das Essen...

Ich muss einfach noch ein bisschen vom Essen schwärmen. Yair ist ein fantastischer Koch, und ich werde wahrscheinlich selten hier so gut essen dürfen wie bei ihm. Ein komplettes Vier-Gänge-Menü mit Suppe, Vorspeisen, verschiedenen Salaten, Braten, einem Hähnchen... Himmlisch. Und zu allem Überfluss so reichlich, dass wir mit 12 Personen nur einen Bruchteil jeden Ganges vertilgen konnten. Yairs Frau hat mir einen Bruchteil des Desserts eingepackt, und ich kann mich jetzt wohl tagelang von marrokanischen Zuckerblättern und Windbeuteln ernähren!

Durch Zufall war mein kleines Dankeschön, ein Wein, wohl ziemlich gut (oder alle zu höflich, um mir etwas anderes zu erzählen). Also, sollte irgenwann jemand von euch zu einem jüdischen Neujahrsfest eingeladen werden, nehmt auf jedenfall an.

Ein Rabbi vor der Tür!

Über Rosh Hashanah haben wir auch einen Rabbi mit seiner Familie zu Gast in Molada. Das ist mein erster näherer Kontakt mit wirklich religiösen Juden, und auf den ersten Moment schon etwas befremdlich. In unserer Küche steht jetzt eine dauerhaft laufende Kochplatte, da unsere Gäste an den Feiertagen kein Licht erzeugen dürfen.

Die Glühbirne im Kühlschrank ist ausgeschraubt, und das Küchenlicht ist dauerhaft an. Der Rabbi betet sehr häufig und ist ein echt netter Typ. Seine Frau natürlich auch, berührt jedoch keine fremden Männer - das war etwas seltsam als ich ihr zur Begrüßung die Hand schütteln wollte! Die beiden haben zwei kleine Söhne, deren Spiele das Gästehaus etwas belebter machen.

Unser Gast hat mir übrigens vor meiner Abfahrt zu Yair ebenfalls gesagt der Wein in meiner Hand sei sehr gut, vielleicht hatte ich also tatsächlich Glück. Auch wenn ich unsere Gäste sehr sympathisch finde, fällt es mir schwer, eine derart religiös geprägte Lebensweise nachzuvollziehen. Dennoch finde ich beeindruckend, das religiöse Juden wie unsere Gäste und säkuläre Familien wie die von Yair dieselben, Jahrtausende alten Grundrituale befolgen.

5 Gedanken zu „Dieses Jahr feiere ich zweimal Neujahr…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.