Jom Kippur und die Bedeutung des Nichts-Tun

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Nach Rosh Hashanah findet dieses Wochenende das zweite und wichtigste Fest der Feiertagssaison statt: Jom Kippur. Es beendet die zehntägige "Zeit der Reue und Umkehr" zwischen den beiden Feiertagen. Ich verbringe auch diesen Feiertag hier in Haifa.

Tun oder Nichts Tun?

So langsam habe ich das Gefühl, dass Judentum zu verstehen. Es gibt keine andere Religion, in der man so wenig tun soll wie im Judentum. Nicht nur, dass schon jedes Wochenende nur alle zwei Stunden ein Bus fährt. An Feiertagen geht es weniger darum, einen Baum aufzustellen oder Eier zu suchen, sondern eher darum, sich nicht zu bewegen oder zu kochen oder zu essen oder irgendwas zu machen. Die Regeln sind im Prinzip die Gleichen wie an Shabbat, nur darf man noch etwas weniger Tun. Tags wird gefastet, und Sex ist auch verboten. Ansonsten ist der einzige Unterschied, dass sich auch säkuläre Juden an die Regeln halten. An Jom Kippur sieht man, wie es in Israel jeden Samstag aussähe, wenn alle Juden orthodox wären.  Da alle Fasten und dementsprechend gereizt sind, wurde mir eindringlich dazu geraten, draußen nicht zu essen oder zu trinken.

Totenstille...

Seit Freitag Abend ist Autofahren untersagt, und nun ist die Stadt still wie ein Kartoffelacker. Selbst Unfälle scheinen seltener an Jom Kippur, die letzte Sirene habe ich vor Stunden gehört. Nur ein paar Araber fahren ab und zu durch die Straßen und treiben die Fußgänger und Fahrradfahrer auf den Bürgersteig zurück. Eine Großstadt so leise zu sehen ist etwas gespenstisch, und passt vom Setting super in jeden Zombie-Film. Es ist erstaunlich, wie wichtig die Geräuschkulisse für das Feeling einer Stadt ist. Obwohl ich als Stadtkind den Autolärm kaum bewusst wahrgenommen habe, ist die jetzige Stille dröhnend.

Ein bisschen Geschichte

Den Stillstand der israelischen Gesellschaft an Jom Kippur haben sich 1973 auch Syrien und Ägypten zu Nutze machen wollen. Im Jom-Kippur-Krieg wurde die IDF (Israel Defense Force) kalt erwischt. Letztlich haben die Israelis allerdings auch diesen Krieg (der vierte arabisch-israelische) gewonnen. Seitdem bleibt die IDF auch an Jom Kippur in voller Bereitschaft.

Obwohl mir der religiöse Einfluss auf die israelische Gesellschaft etwas suspekt ist, halte ich die Relevanz der Religion für die Menschen hier für bewundernswert. Mir ist die Säkularisierung Deutschlands erst hier in Israel völlig deutlich geworden.

Update: Support für Apple-Mobilgeräte

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Da ein Großteil meiner Website-Besucher anscheinend Apple-Nutzer sind (Seufz) habe ich mich dazu entschlossen, den Support für Apples Mobil-Geräte etwas auszubauen und etwas zu experimentieren.

Ausgebauter Support

Circa die Hälfte meines Traffics sieht so aus:

Diese Anfragen werden generiert, wenn von einem Apple-Gerät aus versucht wird, auf ein Icon meines Blogs zuzugreifen. Mein Blog stellt jedoch keines dieser Icons bereit... bis jetzt! Ab sofort sind nach den Apple-Human-Interface-Guidlines konfigurierte Icons abrufbar. Konkret bedeutet das, dass alle, die auf einem Apple-Gerät ein Desktop-Icon meines Blogs erstellen, anstatt eines hässlichen Platzhalters ein Icon mit meinem hässlichen Paint-Logo haben sollten. Paint for the win!

Allerdings ist dies mein erster Versuch in dieser Richtung, eventuell sind mir also Fehler unterlaufen... Deshalb brauche ich eure Unterstützung! Ich bin stolzer Android-Nutzer, deshalb kann ich die Änderungen nicht selbst testen! Sollte sich bei euch nichts geändert haben, oder irgendetwas schrecklich schief gelaufen sein: Bitte gebt mir Bescheid! Am besten erklärt ihr mir, welches Gerät ihr benutzt habt, und was genau falschläuft! Im Voraus schon mal vielen Dank!

Ich bin Dr. Frankenstein...

Die zweite Änderung betrifft ebenfalls nur Apple-Nutzer: Ich habe testweise den Meta-Tag apple-mobile-web-app-capable aktiviert. Das bedeutet, dass Nutzer, die meinen Blog auf Safari nutzen, dass Safari Overlay nicht mehr sehen (sollten). Diese Änderung ist, wie gesagt, experimentell. Anders als die Icon-Unterstützung ist das hier nichts technisches, sondern letztlich rein ästhetisch. Ich halte meinen Blog für Mobil-Freundlich genug, dass auch ohne Safari-Interface eine Nutzung möglich ist. Falls ihr das anders seht, Navigationsprobleme habt, oder ihr das vorherige Design besser fandet... Bitte gebt mir Bescheid! Auch diese Änderung kann ich nicht selbst testen! Wenn mehreren Nutzern diese Änderung nicht gefällt, werde ich schnellstmöglich zum vorherigen Aufbau zurückkehren.

Das wars auch schon!

Danke, dass ihr euch unfreiwillig als Versuchskaninchen zur Verfügung stellt. Vielleicht habe ich gerade Mist gebaut und meine Nutzerbasis halbiert (von 8 auf 4), aber ohne Fehler kein Fortschritt. Falls ihr mir Screenshots von euren Problemen schicken wollt, könnt ihr mir auch direkt schreiben: info@linusafari.com. Viel Spaß beim Testen!

Dieses Jahr feiere ich zweimal Neujahr…

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Der jüdische Kalender richtet sich nicht nach der Sonne, sondern nach dem Mond. Das jüdische Neujahrsfest, Rosh Hashanah, findet dieses Jahr vom 20. bis 22. September statt. Ich hatte die Ehre, bei einem meiner Kollegen zur Familienfeier am ersten Neujahrsabend eingeladen zu sein. Zeitgleich ist bei uns im Molada eine religiöse Familie zu Gast. So konnte ich einen Einblick in  die unterschiedlichen Neujahrstraditionen gewinnen.

Yair und seine Familie

Mein Kollege Yair ist nicht ständig im Beit Rutenberg, sondern arbeitet als IT-Fachmann für mehrere Institutionen in Haifa. Ohne das wir länger Kontakt hatten, hat er mich quasi direkt nach unserem Kennenlernen eingeladen mit seiner Familie Rosh Hashanah zu feiern. Diese Spontanität ist typisch für Israelis. Da ich das erste mal bei einem Israeli eingeladen war, war ich ganz schön nervös im Vorfeld, und habe meinen Chef Amir nach möglichen Fettnäppchen befragt - schließlich wollte ich Yairs großzügige Einladung nicht mit irgendeinem ungewollt gestörten Ritual oder so vergelten. Zum Glück scheint es aber an Rosh Hashanah keine größeren Rituale zu geben, sodass ich wenig falsch machen konnte.

Yair wohnt in einer Wohnung auf einem der anderen Berghänge Haifas, sodass ich von mir (auf dem Carmelberg) ein Taxi nehmen musste. Ich traf als zweiter Gast ein. Neben seiner Frau und einer seiner zwei Töchter hatte Yair noch die Eltern seiner Frau, die Schwester seiner Schwiegermutter, den Bruder seiner Frau und dessen Mann sowie deren zwei Kinder eingeladen. Wie in Deutschland an Weihnachten, Ostern oder Sylvester ist Rosh Hashanah ein Fest, an dem sich die ganze Verwandschaft trifft. Yairs älteste Tochter konnte allerdings nicht kommen, da sie gerade ihren Dienst in der Army ableistet, und einer Einheit an der ägyptischen Grenze zugeordnet wurde. Seine jüngere Tochter leistet ebenfalls ihren Dienst, hatte jedoch das Glück einer IT-Einheit in Haifa zugeteilt zu werden.

Mit Yairs Schwiegervater habe ich mich über die Mentalität in Deutschland und Israel unterhalten, seine kleine Nichte lernt gerade Englisch und hat genau so schüchtern "Thanks" gesagt wie ich das hebräische "Toda". Seine Tochter hat mir von ihren Besuchen in Bremen erzählt, und der Mann seiner Schwägerin (ein Polizist) hat mich entgeistert gefragt, warum ich bitte nach Israel kommen wollte! Ich denke manchmal, die Israelis müssten einmal in der Nordsee baden, um zu wissen warum Freiwillige nach Israel wollen. Die Atmosphäre eines Familienfestes ist glaube ich überall ähnlich. Die Lautstärke der Gespräche ist ziemlich genau auf dem Level eines Wedding-Familientreffens gewesen, und der Umgang miteinander hat mich ebenfalls an meine Onkel erinnert 😉

Auch Neujahr, aber nicht Sylvester

Rosh Hashanah findet zwar aus demselben Anlass statt wie Sylvester, hat jedoch eine etwas andere Relevanz als bei uns. Das jüdische Neujahr ist generell etwas ernster. An Rosh Hashanah soll Gott Gericht halten über die Menschen. Die Taten einer Person an Rosh Hashanah sollen deshalb sein Schicksal für das ganze Jahr beeinflussen. Das Prinzip ähnelt etwas unseren Neujahrsvorsätzen, allerdings nehmen Israelis ihr Verhalten vielleicht etwas ernster (und brechen nicht nach einer Woche alle Vorsätze). Anders als an Sylvester gibt es kein Feuerwerk - das ist allerdings in Israel sowieso selten, um die Raketenabwehrsysteme nicht zu verwirren.

Ich hatte mit Yairs Schwiegereltern ein sehr interessantes Gespräch, in dem sie mir die unterschiedlichen Neujahrsrituale erklärten. Die Einhaltung dieser Traditionen hängt jedoch stark davon ab, wie religiös eine Familie ist. Yairs Verwandschaft ist eher unreligiös, obwohl sie aus Tradition einige Bräuche beibehalten. Yairs Schwiegervater hat vor dem Essen einige traditionelle Rosh Hashanah-Gebete rezitiert. Außerdem haben wir Äpfel mit Honig gegessen, ein Symbol dafür, dass das neue Jahr süß werden möge.

In den Synagogen wird normalerweise am letzten Neujahrsmorgen ein spezielles Horn geblasen, das Shofar-Horn. Da dieses Jahr der Morgen jedoch auf einen Freitag fällt, entfällt das Horn, da an Shabbat ja nicht gearbeitet werden darf.

Das Essen...

Ich muss einfach noch ein bisschen vom Essen schwärmen. Yair ist ein fantastischer Koch, und ich werde wahrscheinlich selten hier so gut essen dürfen wie bei ihm. Ein komplettes Vier-Gänge-Menü mit Suppe, Vorspeisen, verschiedenen Salaten, Braten, einem Hähnchen... Himmlisch. Und zu allem Überfluss so reichlich, dass wir mit 12 Personen nur einen Bruchteil jeden Ganges vertilgen konnten. Yairs Frau hat mir einen Bruchteil des Desserts eingepackt, und ich kann mich jetzt wohl tagelang von marrokanischen Zuckerblättern und Windbeuteln ernähren!

Durch Zufall war mein kleines Dankeschön, ein Wein, wohl ziemlich gut (oder alle zu höflich, um mir etwas anderes zu erzählen). Also, sollte irgenwann jemand von euch zu einem jüdischen Neujahrsfest eingeladen werden, nehmt auf jedenfall an.

Ein Rabbi vor der Tür!

Über Rosh Hashanah haben wir auch einen Rabbi mit seiner Familie zu Gast in Molada. Das ist mein erster näherer Kontakt mit wirklich religiösen Juden, und auf den ersten Moment schon etwas befremdlich. In unserer Küche steht jetzt eine dauerhaft laufende Kochplatte, da unsere Gäste an den Feiertagen kein Licht erzeugen dürfen.

Die Glühbirne im Kühlschrank ist ausgeschraubt, und das Küchenlicht ist dauerhaft an. Der Rabbi betet sehr häufig und ist ein echt netter Typ. Seine Frau natürlich auch, berührt jedoch keine fremden Männer - das war etwas seltsam als ich ihr zur Begrüßung die Hand schütteln wollte! Die beiden haben zwei kleine Söhne, deren Spiele das Gästehaus etwas belebter machen.

Unser Gast hat mir übrigens vor meiner Abfahrt zu Yair ebenfalls gesagt der Wein in meiner Hand sei sehr gut, vielleicht hatte ich also tatsächlich Glück. Auch wenn ich unsere Gäste sehr sympathisch finde, fällt es mir schwer, eine derart religiös geprägte Lebensweise nachzuvollziehen. Dennoch finde ich beeindruckend, das religiöse Juden wie unsere Gäste und säkuläre Familien wie die von Yair dieselben, Jahrtausende alten Grundrituale befolgen.

Haifa und das Meer

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Israel ist im Prinzip ein dünner Streifen Land, mit einem sehr langen Küstenstreifen. Das Meer ist also niemals weit weg, und beeinflusst überall das Leben der Israelis. Für Haifa gilt dies nochal stärker. Was Deutsche und der Hof damit zu tun haben, erzähle ich euch in diesem Beitrag.

Eine deusche Kolonie

Obwohl bereits seit der Antike eine Siedlung im Bereich der heutigen Stadt Haifa existierte, war diese bis ins 19. Jahrhundert ziemlich unbedeutend. 1869 jedoch gründete eine deutsche Sekte, die Templergesellschaft, eine Kolonie in der Bucht von Haifa. Diese Templer (nicht zu verwechseln mit den Kreuzrittern) sahen die Entwicklung des "Heiligen Landes" als ihr höchstes Ziel an, und glaubten an eine unmittelbar bevorstehende Endzeit.

Die deutsche Kolonie bildet heute noch ein Herzstück Haifas. Im Gegensatz zu den verwinkelten und schmalen Straßen der restlichen Stadtteile, ist die deutsche Kolonie sehr durchgeplant und ordentlich - etwas klischeehaft, aber wahr. Heute bildet sie den ersten Anlaufpunkt für unternehmungslustige Touristen.

Einige "ordentliche" Häuser hätten allerdings kaum Haifa zu dem gemacht, was es heute ist. Entscheidend für die Entwickung der Stadt war die Errichtung des Hafens durch die Templer, und später die Anbindung an ein deutsch-osmanisches Eisenbahnprojekt.

Spätestens mit der Ankunft der großen jüdischen Auswanderungs- und Fluchtwellen im 20. Jahrhundert wurde Haifa zum wichtigsten Hafen Israels. Dieser Status hat sich bis heute erhalten. Jerusalem mag das spirituelle Zentrum sein, und Tel Aviv die Party-Hauptstadt, aber wirtschaftlich ist Haifa wohl am wichtigsten.

Auch die israelische Marine unterhält hier einen Stützpunkt. Vor einigen Tagen konnte ich im Hafen sogar eines der israelischen Atom-U-Boote beobachten.

Was hat ein Hof damit zu tun?

Der Hafen hier ist zwar wichtig, der Strand bzw. die Strände um Haifa sind jedoch für die Beziehung zwischen Haifa und dem Meer wahrscheinlich noch entscheidender.

Im hebräischen bedeutet "Strand" "Hof". Unser Tourguide in der ersten Seminarwoche hat uns sogar erzählt, das der Name der Stadt eventuell von diesem Wort abgeleitet wurde. "Hof" und "Haifa" klingt für mich tatsächlich auch sehr ähnlich...

Wie auch immer, die Strände sind jedenfalls fantastisch. Das Wasser ist schön warm, und meistens gibt es richtig starken Wellengang. Für mich, bisher eher wasserscheu, war der erste Strandbesuch eine Offenbarung. Endlich verstehe ich, was alle so toll am Meer finden. Die Nordsee ist da kein Vergleich.

Zum Glück ist auch noch genug Platz für alle da, sodass es selbst in der größten Hitze weniger Gedränge gibt als in einem deutscheen Freibad.

Und schön sieht es auch noch aus!

Zu guter Letzt: Der Ausblick vom Carmel-Berg auf Haifa wäre nur halb so fantastisch, wenn nicht ständig ein Schwarm Schiffe um den Hafen dümpeln würde, sich abends die Sonne im Meer spiegelt und nachts die erleuchteten Hafenkräne aufragen würden.

Das Meer ist Teil dieser Stadt, vielleicht sogar der beste.

Wort des Monats – September

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Zur kurzen Einordnung: Ich habe mir vorgenommen, jeden Monat ein Wort zu finden, dass mir aus irgendwelchen Gründen gut gefällt. Egal welche Sprache, ob hebräisch, deutsch, englisch oder sonstetwas. Wenn mir ein Wort gefällt, vielleicht weil es einen schönen Klang hat, einen Sachverhalt exakt beschreibt oder ich eine interessante Geschichte dazu gehört habe, verfasse ich dazu einen kurzen Text. So könnt ihr unter der Kategorie "Wort des Monats" mit der Zeit immer mehr Kuriositäten und Fundstücke besichtigen.

Die Schlafstunde

Mein Chef im Medienzentrum, Amir, benutzt gerne das Wort Schlafstunde. Eine Schlafstunde ist die Bezeichnung für ein Nickerchen. Amirs Großmutter ist aus Österreich nach Israel migriert, und hat mit diesem etwas altertümlichen Wort immer ihr Mittagsschläfchen eingeläutet. Amir spricht übrigens bis auf dieses Wort kein Deutsch.

Mir gefällt der Klang und das Gefühl dieses Wortes. Schlafstunde. Wenn ich mir dazu Amirs Großmutter vorstelle... Perfekt. Das Wort wirkt behaglich, ein bisschen muffig zwar, aber sehr vertraut. Also, das Wort des Monats ist die Schlafstunde

Meine ersten Arbeitstage, die Bahai-Gärten und Krav Maga

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Auch diese Woche habe ich wieder eine Menge erlebt! Ich habe meine Arbeitsstelle angetreten, und zusammen mit meiner Mitfreiwilligen Melanie die Bahai-Gärten (zumindest teilweise) und einen Krav Maga Kurs besucht. Bei uns im Gästehaus Molada sind außerdem die ersten Gäste eingetroffen, und ich habe meine Rav-Kav bekommen! Wer jetzt nur Bahnhof versteht - Weiterlesen!

Meine Arbeit im Rutenberg-Institut

Diesen Sonntag habe ich meinen Chef Amir kennengelernt, und meine Arbeitsstelle im Medienzentrum des Beit Rutenberg angetreten. Da in Israel Freitag und Samstag das Wochenende bilden, ist hier der Sonntag quasi wie ein deutscher Montag. Das ist erstmal ziemlich verwirrend, und ich brauche wohl etwas Zeit bis ich mich vollends dran gewöhnt habe.

Amir ist (wie alle Mitarbeiter im Beit Rutenberg) total nett. Zusammen mit Jacqui, die ich am Montag ebenfalls kennenlernen durfte, leitet er das Medienzentrum. Unsere Abteilung hat ein eigenes Gebäude auf dem Instituts-Gelände, und ist mit einem richtigem Filmstudio, Greenscreen und mehreren Computerräumen sehr gut ausgestattet. Die Düsseldorfer unter meinen Lesern kennen vielleicht das Filmmuseum - meine Arbeitsstelle ist dem ziemlich ähnlich. Wir arbeiten eng mit mehreren Schulen in Haifa zusammen, die regelmäßig Klassen in das Medienzentrum schicken. Hier lernen die Schüler dann den Umgang mit Kameras, Filmbearbeitung (mit Adobe Premier!) und alles andere rund um die Filmroduktion.

Jacqui und Amir verwalten das Zentrum, und geben zusammen mit drei anderen Lehrern Unterricht. Ich bin als Helfende Hand im Einsatz - Unterstützung beim Filmschnitt, Bereitstellung der technischen Mittel... Da die regulären Klassen erst nächste Woche beginnen, waren wir die letzten Tage vor allem mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Dateien kopieren und übertragen, Tabellen säubern und vorbereiten, Kopfhörer testen, Stühle schleppen, mich in Premiere einfinden... Mir haben meine bisherigen Aufgaben viel Spaß gemacht, und ich freue mich schon sehr auf die ersten Schüler!

Die Bahai-Gärten und Downtown

So sehr mir meine Arbeit auch gefällt, habe ich natürlich dennoch nicht im Büro geschlafen, sondern mir an den Nachmittagen viel von Haifa angesehen. Mit Melanie konnte ich einen Blick auf die Bahai-Gärten werfen. Die Bahai sind eine kleine Religionsgemeinschaft, die hier in Haifa ein sehr großes (und schönes) Heiligtum unterhalten. Die Gärten sind DAS Postkartenmotiv hier, und völlig zurecht gerade von der Deutschen Kolonie am Hafen aus hat der Blick auf die symmetrischen Wege, blühenden Beete und die große, goldene Kuppel etwas atemberaubendes. Leider ist momentan ein Großteil der Gärten aufgrund von Bauarbeiten nicht zugänglich.

Im Laufe der Tage habe ich auch das erste mal Downtown besucht. Dort, in der Nähe des Hafens, leben vor allem arabische Israelis mit geringerem Einkommen als die Bewohner der höhergelegenen Viertel. Ich habe an diesem Nachmittag zwar meine Kamera mitgenommen, meine SD-Kare jedoch in meiner Unterkunft liegen lassen. Sobald ich das nächstemal in der Gegend bin, werde ich aber mein Versäumniss aufholen und an dieser Stelle einen Link bereitstellen. Die Bilder der bunten Geschäfte und Märkte möchte ich euch nicht vorenthalten!

Bei meinem Besuch in Downtown habe ich auch meine Rav-Kav Karte besorgt. Die Rav-Kav kann bei jedem Busfahrer mit Geld aufgeladen werden, und bei jeder Ladung erhält man 20% des Betrags als Extra-Guthaben dazu. Das ist super praktisch, und macht Reisen hier noch billiger als es onehin schon ist.

Krav Maga

Da ich in Düsseldorf sehr lange Judo gemacht hatte, und jetzt nach einer Pause gerne wieder einen Kampfsport ausüben möchte, hatte ich am Mittwoch mein erstes Probetraining Krav Maga. Meine Mitfreiwillige Claudia hatte für mich den Kontakt zu Bettina hergestellt, die mir eine Trainingsschule empfehlen konnte. Bettina war von 2014 bis 2016 die Freiwillige im Beit Rutenberg und hatte Claudias jetzige Position als rechte Hand unserer Chefin Silvi inne. Nach ihrem Einsatz zog sie nach Israel um, und hat jetzt schon mehrere Jahre Krav Maga hinter sich. Melanie und ihre französischen WG-Mitglieder sind dann auch noch mitgekommen, und so war ich nicht der einzige Neuling.

Krav Maga ist eine israelische Kampfsportart, die sich durch starke Praxisorientierung und realistische Technik auszeichnet. Diese Qualitäten machen Krav Maga zu einer der beliebtesten Kampfschulen im Selbstverteidigungsbereich. Auch Militär und Polizei schätzen Krav Maga - In unserem Trainingsraum hing eine Auszeichnung an der Wand, in der unserem Trainer für das Ausbilden amerikanischer Sicherheitsbeamter gedankt wurde!

Im Vergleich zu Judo gefällt mir besonders das Fehlen von umfangreichen Ritualen und Traditionen - ein Kennzeichen aller ostasiatischen Kampfsportarten. Gleichzeitig übernimmt Krav Maga jedoch viele sinnvolle Aspekte des Judos, insbesondere den Bodenkampf und das Prinzip der Kraftumleitung - der Gegner schlägt sich selber. Ergänzend werden Schlag- und Tritttechniken gelehrt. Mir hat das Training viel Spaß gemacht, und ich überlege weiterzumachen.

Die ersten Gäste sind da!

In Molada, dem Gästehaus des Rutenberg Instituts leben nicht nur wir Freiwillige, sondern regelmäßig melden sich auch Gäste an, die für mehrere Nächte eins der freien Zimmer mieten. Claudia und ich sind dabei immer involviert. Wir stehen bei Fragen zur Verfügung und stellen die Schlüssel bereit, Claudia verwaltet die Buchungen, und ich sorge dafür, dass Morgens das Frühstück bereitsteht.

Als ich am Mittwochabend abgekämpft vom Training zurückkam, standen gerade unsere ersten Gäste in der Tür. Es ist sehr spannend für andere eine Hilfe zu sein, und ich denke, dass ich mit der Zeit unseren Besuchern immer bessere Tipps geben kann. Immerhin bin ich jetzt selbst ein Einwohner Haifas! Wenn ich schon nicht in einer WG wohne, habe ich so zumindest regelmäßig neue und interessante Leute im Haus.

Meine erste Woche in Israel!

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Gerade sitze ich im Freien bei meiner gerade bezogenen Unterkunft und genieße die Aussicht. Meine ganze erste Woche in Israel  jedoch, vom 27. bis 31., durfte ich zusammen mit anderen Freiwilligen am Willkommensseminar teilnehmen!

Die Ankunft der Voluntäre

Nach meiner Landung in Tel Aviv wurde ich, wie bereits geschildert, zusammen mit anderen Freiwilligen zum Rutenberg-Institut gebracht. Hier, in meiner Einsatzstelle, fand dass Willkommensseminar für Freiwillige des Deutsch-Israelischen Vereins, der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und meiner Organisation, dem Deutschen Roten Kreuz statt.

Am 27. und 28. August trudelten nach und nach alle von uns ein, und schon am Montag begann das Seminar. Die ganze Zeit über wurden wir mit traumhaftem Essen (gerade im Vergleich zum DRK-Seminar in Deutschland) verwöhnt. Alle Frewilligen wurden für die Dauer des Seminares im Hostel direkt auf dem Gelände des Beit Rutenberg untergebracht, sodass wir direkt die grandiose Aussicht vom Carmel-Berg genießen durften. Von Montag bis Mittwoch hatten wir jeden Abend einen Crashkurs Hebräisch.

Dieses Seminar gehört übrigens zu den Bedingungen und Vorzügen eines FSJs im Ausland. So lernt man nicht nur viele andere deutsche Freiwillige schon kennen, sondern hat auch das Vergnügen einige wirklich interessante Leute zu erleben - dazu gleich mehr.

Der erste Seminartag - Es werde Licht!

Der erste Vortrag war besonders für meine vielen Mitfreiwilligen interessant, die später in einer Einrichtung für Autisten arbeiten sollten. Zwei Mitarbeiter der israelischen Organisation Alut, die viele Freiwillige in ihren Wohnprojekten einsetzt, schilderten das Prinzip der Einrichtungen und gaben einen kurzen Überblick darüber, was Autismus eigentlich bedeutet. Da fast alle der anderen Seminarteilnehmer später in ähnlichen Projekten eingesetzt werden sollten, begleitete uns dieses und verwandte Themen durch das ganze Seminar.

Am Abend wurden wir von Gabi Laufmann in israelischen Volkstänzen unterrichtet. Wer mich kennt, kann sich sicherlich meine eleganten Tanzschritte lebhaft vorstellen (Ich halte mein Ironieschild weit nach oben). Da in Israel jedoch traditionell schnell, kompliziert und in einem großen Kreis getanzt wird, hatte jeder von uns die Ehre, zur allgemeinen Erheiterung absolut aus dem Takt zu kommen. Sehr viel Spaß hatten wir auf jedenfall alle.

Der Strand von Haifa und der Nahostkonflikt

Am Dienstag brachte Motti Arbel uns den Umgang mit physisch aggressiven Autisten bei. Dabei soll sowohl die Würde als auch der Körper des Pflegers und des Bewohners intakt bleiben. Yossi Nachmani, ein früherer Mitarbeiter des israelischen Sicherheitsministeriums, führte uns in die Geschichte und momentane geopolitische Position Israels ein. Um uns nach diesen beiden eher ernsten Themen abzulenken, organisierte unsere wunderbare Betreuerin Silvi am Nachmittag einen Ausflug zum Strand. Für mich, bisher nur an die Nordsee gewohnt, war das warme Wasser und die Wellen besonders traumhaft.

Ein Märchen

Besonders beeindruckend war für mich ein Vortrag von Dr. Arnon Livjatan und seiner Frau Dalia. Dr. Arnon ist ein sehr charismatischer und begeisternder Mensch, der seit Jahrzehnten mit Autisten arbeitet, und immer noch voller Eifer dabei ist. Er und seine Ehefrau kannten sich bereits als Kinder, lebten sich auseinander und kamen zusammen, als Dalia mit ihrem Sohn aus erster Ehe bei Dr. Arnon um Hilfe bat. Kitschig wie ein Disneyfilm!

Silvis Mann Igal führte uns am Nachmittag in das Judentum ein. Als Kantor zeigte er uns eine Synagoge und beantwortete all unsere Fragen zu jüdischen Strömungen und Festen.

Ein weitere Highlight war unsere abendliche Führung durch Haifa. Über 500 Stufen leitete Avi Livjatan uns abseits der üblichen Touristenstrecken vom Carmelberg in die deutsche Kolonie am Hafen. Dabei begegneten uns auch diese Sprayer.

Nachts entfaltet Haifa seinen ganzen Charme.

Der nächste Schritt

Unser letzter Gast, Dani Maysel, hat sich auf Musik mit Autisten spezialisiert. Mit ungewöhnichen und selbst erfundenen Instrumenten durften wir experimentieren. Danis Enthusiasmus war ziemlich ansteckend!

Während die anderen Freiwilligen von ihren Einrichtungen abgeholt wurden, habe ich schnell meine Sachen aus dem Hostel in das Gästehaus Molada transportiert - zum Glück direkt auf der anderen Straßenseite. So nett die anderen Volunteers auch sind, freue ich mich über ein eigenes Bad und Zimmer!

Das war also meine erste Woche in Haifa. Lailatov und bis bald!